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Nachdem es zunächst so aussah, als fiele dieses Jahr der Snowboardurlaub für mich flach, war ich natürlich mehr als angetan davon, dass
Carsten mich als „Ersatzbegleitung“ dabei haben wollte, nachdem die Beziehung zu Svenja Geschichte war.
Entsprechend gutgelaunt sind wir zwei auch dann durchgestartet: zu Fuss runter zum Bahnhof, nicht ohne vorher ein fröhliches
Kaltgetränk auf gutes Gelingen zu zischen, und weil am Bahnhof auch das Hotel steht, in dem Anja und Bob arbeiten, musste man natürlich nen kleinen Boxenstop dort einlegen.
Anja hatte schon mal was vorbereitet: innerhalb kürzester Zeit saßen wir mit dem nächsten „Gute Reise!“-Bierchen an der Theke und
machten Flax mit den Ladies. Als die Uhr über dem Tresen schon 20.11h anzeigte, dachte ich, es sei ne gute Idee, auf die Abfahrtzeit unseres Zuges (20.14h) hinzuweisen…
Wir sind wie die Bekloppten mit unserem Gepäck unterm Arm über die Straße gerannt, um so grade eben noch in den schon dort stehenden
Zug zu hechten. Wow, welch Einsatz!
Beim ersten Umsteigebahnhof (Ich bin noch nie so viel umgestiegen… die Idee, mit der Bahn nach Österreich zu schaukeln, war ja nun
nicht meine, also kann ich getrost sagen: die war sowas von bescheuert…) hatten wir 45 min Aufenthalt, also flugs noch mal schnell nen Weizen getrunken (das furchtbar geschmeckt hat, aber verdammt, wir waren dort,
um uns zu amüsieren!).
Dann weitergegondelt, um in Hannover anschließend eineinhalb Stunden auf den Nachtzug nach München zu warten… Suuuper… das Einzige, was mitten in der Nacht noch geöffnet hatte, war der
BurgerKing, und holla, was rennen da Bekloppte rum! Carsten und ich wechselten mehr als einmal ziemlich belämmerte Blicke, sei es, weil der Pseudo-Homie so supercool von einer Ecke zur anderen
rüberwackelte, oder weil der Quotendealer mit der blauen Wollmütze jeden Hereinkommenden erstmal mit Handschlag begrüßte und sich dann ranbeugte und was wisperte, was garantiert so was wie „Ey,
brauchssssu?!“ war, sei es die sternhagelvolle 16jährige, die sich so doof auf die Klappe legte, dass ihr sowohl der Minirock hoch, als auch das trägerlose Oberteil runterrutsche
(und es ist dann echt unpraktisch, keinen BH zu tragen…)…
Carsten tat das einzig Vernünftige und hat uns zur Ablenkung ein Eis geholt. Sehr gute
Arbeit! Nicht, dass wir so wirklich Hunger drauf hatten, aber man hatte erstmal ne Beschäftigung…
Dann das Schönste an der ganzen Anreise: der Nachtzug nach München! Meine Fresse, ich
hätte nie gedacht, dass ich jemanden auf Anhieb so saumäßig unsympathisch finden könnte wie diesen eingebildeten Arsch von Zugbegleiter, an den ich mich wandte, nachdem
Carsten festgestellt hatte, dass die Reservierung, die 28 € gekostet hatte und zwingend erforderlich war, um den Zug überhaupt benutzen zu dürfen, schief gelaufen war…
Statt 26.02.2005 hatte die werte Dame im Bahnbüro für den 26.12.2005 reserviert.
Was für ein Theater! Der Typ wurde auf meine Frage, was wir denn jetzt machen sollten, dermaßen widerlich und pampig, dass ich vor lauter Wut schon keine Antwort mehr
wusste. Hab den giftigst angeguckt und das „Sie dämliches Arschloch, kümmern Sie sich gefälligst drum und machen sie keine blöden Witze!“ verschluckt, weil der schon gedroht
hatte, dass wir entweder die ganze Nacht im Gang hocken könnten, was aber eigentlich nicht erlaubt sei, oder in Göttingen aussteigen müssten, und wenn “das hier noch weiter
eskalieren“ würde (ich hatte gewagt, zu sagen, dass wir nicht nur eine teure Reservierung, sondern auch die Fahrkarten an sich bezahlt hätten, Anschlusszüge zu erreichen hätten
und insofern sicherlich NICHT aussteigen würden, bevor wir in München sind), würde Alternative 2 immer wahrscheinlicher. Als ich nun ohne salonfähige Antwort da stand, kam
dann ein schnodderiges „Was ist, wollen Sie mich etwa hypnotisieren?!“ Hypnotisieren??? UMBRINGEN!!! AAAAAAAARGH!!! Für so ein Benehmen würde unsereins nen
Disziplinarverfahren an die Hacken bekommen… Er wollte dann unaufgefordert auf die Angelegenheit zurückkommen, und ich solle erstmal zurück zu meinem Freund und dort warten…
Als ich bei Carsten angekommen war, quer durch zwei Liegewagen und nen mit Gepäck überfrachteten Sitzplatzwagen, und die Story geschildert hatte, war ich fest entschlossen,
ne saftige Beschwerde zu schreiben. Was für ein Arsch! Der bekommt sein Gehalt von unseren Fahrtgeldern, verdammt, also kann der mal ein Mindestmaß an Höflichkeit
an den Tag legen, wenn ich ihn ganz sachlich anspreche und ein Problem klären möchte! Naja, kurz darauf kam aus der anderen Richtung ein weiterer Bahnmitarbeiter, um den
sich dann der werte Herr „Freund“ kümmerte. Im Grunde musste er nicht viel mehr machen, als aufzustehen, um ordentlich Eindruck zu schinden: Carsten war nen schlanken
Kopf größer, und er kann wirklich sehr beeindruckende Killerblicke aufsetzen, hehe… Der nette Bahnonkel versprach dann, sich um eine andere Lösung als „vor dem Notausstieg
liegen, wo andere immer durchmüssen, wenn sie zum Pott wollen“ (meine persönliche Formulierung) zu bemühen.
Ne halbe Stunde später waren wir dann mit ihm auf dem Weg in ein Schlafwagenabteil,
das eigentlich gesperrt war, weil der Teppichboden feucht war. War mir so was von egal, ich war so froh, endlich irgendwo hin zu können, wo ich die Kontaktlinsen aus dem Gesicht
puhlen und die Beine lang machen können würde… Wir kamen dann noch mal an dem bekloppten Arsch von vorher vorbei, und ich ließ es mir nicht nehmen, demonstrativ seinen
Namen zu notieren. Er guckte noch mal doof, wandte sich dann Carsten zu und führte mit dem ein völlig zivilisiertes Gespräch. Pisser. Es war dann mein müder Mitfahrer, der eine
Bemerkung über Sexismus in den Raum stellte, als wir hinterher, nach Gerammel durch 6 weitere Wagen endlich in der Kabine angekommen, das Ganze noch mal Revue passieren
ließen. Scheiss Behandlung. Ich fahr so schnell nicht wieder mit der Bahn in den Urlaub, soviel steht fest. Herzlichen Dank dafür an den feinen Her Riebow aus dem Nachtexpress Hannover/München. Sack, dämlicher.
Dass ich in dem holpernden Zug nicht wirklich schlafen konnte, war dann natürlich schon
allein meine eigene Schuld. Carsten hat, der Lautstärke seines Schnarchens nach zu urteilen, seligst geschlummert, hehe.
Es folgten dann von morgens um 6 auf dem Bahnhof München bis irgendwann kurz vor
Mittag auf dem Bahnhof Zell noch ein paar wilde Umsteigeaktionen (noch einmal Gratulation für die grandiose Verbindungsauswahl: ganz großes Tennis!), bis wir endlich
am Ziel waren. Ab ins nächste Taxi, und rüber nach Schüttdorf, unseren Ortsteil. Und dann ging der Urlaub los!
Zunächst stellten wir fest, dass wir vor Nachmittag nicht in unser Appartement
reinkommen würden. Also taten wir das einzig Logische, was man nach einer nahezu schlaflosen Nacht im Zug machen kann: richtig, Bretter und Schuhe ausleihen, Skipass
besorgen, schnell noch den Kurs für mich klarmachen und ab auf den Berg!
Wir saßen grad mal in der Gondel, da wurd mir schon fast schlecht vor Angst: der untere Pistenabschnitt war dermaßen steil, dass ich im Geiste schon meine Knochen brechen hörte. Ich
formulierte das dann auch gekonnt mit einem allumfassenden „Äääääähm, Caaaaarsten?!“ aus, woraufhin der mir erklärte, dass das hier unten keine Anfängerpiste sei, der Idiotenhügel aber weiter
oben und super zu fahren sei. Ich hab dann tapferst den Knoten in meinem Hals ignoriert und die Landschaft begafft, die wirklich ein Traum war. Der Junge war hier schonmal, also mal ein wenig Vertrauen
gezeigt und nicht mehr rumgeplärrt!
Tatsächlich sah die Welt auf 1.200m oder so schon wieder ganz anders aus: der
Deppenberg war in der Tat übersichtlicher und – auf jeden Fall! – schon mit einer längeren Abfahrt versehen als das, was wir letztes Jahr in Seefeld gefahren sind. Also,
zack in die nächste Gondel, eine Station weiter hoch gegurkt und an einem gediegen wirkenden, breiten Ziehweg erstmals seit einem Jahr das Brett wieder unter die Füße gepackt.
Ich fasse zusammen: am ersten Tag habe ich mich dermaßen beknackt aufs Maul gelegt,
dass ich ungefähr 20 cm vom fichtenbewachsenen Steilhang entfernt auf einem völlig überfüllten Ziehweg im Schnee saß und nicht einmal ansatzweise wusste, wie ich wieder
aufstehen sollte, ohne mich auf den Bauch zu drehen und dann unweigerlich sofort in den Abgrund zu rauschen. Hey, ich war letztes Jahr das erste Mal los, und da war mein Kurs
eher schlecht als recht… Nach mehreren fruchtlosen Versuchen hab ich dann einfach den linken Fuß abgeschnallt (Ich bin ein Goofy), und bin unter dem ach so freundlichem
Gejohle mehrerer Skifahrerkiddies (Ich reagiere charmant und zurückhaltend wie immer: “Ihr mich auch, Ihr kleinen Säcke! Ich kann vielleicht nicht fahren, aber Ihr habt kurze
Schwänze!” *mit den Fingern 3cm anzeig*) zur anderen Seite des Ziehwegs geeiert, um dort das Board wieder korrekt unterzuschnallen und mein Glück erneut zu versuchen.
Carstens kleiner, warmer Platz in meinem Herzen sank ein wenig tiefer ins Fundament, als er auch nach geschlagenen 15 Minuten immernoch am Ende des Ziehweges im Schnee
hockte und auf mich wartete. Er hat zwar erstmal gemeckert, aber ich denke, er war eigentlich nur froh, dass ich ohne nennenswerte Blessuren wieder aufgetaucht war.
Den Rest der Abfahrt hab ich dann auch noch formschön mit diversen Stunts garniert.
Und das nicht auf den steileren Pistenabschnitten, sondern vorwiegend auf dem zweiten Ziehweg, denn es ist für mich nahezu unmöglich gewesen, einfach nur auf dem Brett zu
stehen und es laufen zu lassen, und dezente kleine Kurven bekam ich einfach nicht hin. Egal. Nach dieser lustigen kleinen Hacke-Spitze-Kopf-Einlage waren wir dann am oberen
Ende der Trottelpiste angekommen, und hier wurde das Ganze ziemlich gediegen. Es war nicht sonderlich voll, das Wetter war ein Hit, und Steffie gut drauf, wenn auch schon
ziemlich zerschlagen (Abends sahen meine Knie aus, als hätte ich mit ner Dachlatte den ganzen Tag abwechselnd rechts und links eine vorgekachelt bekommen...). Wir haben dann
noch ein wenig dort gezaubert, und ich war dann irgendwann zwar scheißendreckmüde, aber auch relativ beruhigt, was meine minimalen, aber immerhin noch vorhandenen Fahrkünste anging.
Wir sind dann brav wieder nach unten gegondelt, als wir der Meinung waren, es reicht,
nicht ohne noch schnell mal die Schirmbar anzutesten, die auch durchaus humane Preise ansetzte.
Dann etwas eieriges Zurücklatschen zur Rezeption unserer Unterkunft, Schlüsselübernahme, leicht sperriges Gepäckhergerödel, und rüber ins Appartementhaus. Oh Mann. Was für eine Hütte!
Ich schätze, das Ding war ungefähr 30 m² groß, wobei das das kleine Badezimmer und den Miniflur mit einschloss. Miniküchenzeile mit zwei Kochplatten. Ein klappriger Tisch mit exakt zwei
Stühlen. Furchtbare Einrichtungsassessoires, wie Bilder von Kindern mit großen Kulleraugen und komische Trockengraswedel, die mich spontan an meine Oma in Wuppertal erinnerten. Dafür immerhin ne geile Aussicht vom
Balkon aus. Kein Bett, dafür ne Klappcouch, die wir exakt einmal aufgebaut und auch nur einmal wieder abgebaut haben. Immerhin waren wir uns sofort einig, wer welche Seite
bekommt („Also, Sommer, ich nehm die Wandseite!“ – „Hömma, nach vorne hätte ich Dich auch nicht gelassen!“).
Als ich die winzige Bude betreten hatte, war ich sicher, es dauert keine drei Tage, und
wir bringen uns gegenseitig um, weil wir beide ab und zu mal unsere Ruhe vor dem Rest der Welt brauchen.
Interessanterweise war das aber überhaupt kein Problem, was wohl auch damit
zusammenhing, dass wir erstens Gandalfs tragbaren CD-Player nebst Boxen und diverser formschöner CDs mitgenommen hatten (ich hatte eine kleine, aber feine Auswahl
getroffen, die auch dem Dicken sehr zugesagt hat und mit der er sich intensiv beschäftigt hat), ich zweitens noch zwei Bücher aus der Farseer-Reihe von Robin Hobb dabei hatte
und ich es drittens zum täglichen Ritual werden ließ, mich nach dem Boarden ungefähr ne Stunde in der heissen Badewanne zu räkeln. Das half alles, denk ich. Aber mal ehrlich: Es
gibt nix Schlimmeres als Menschen, die ständig plappern müssen, und umgekehrt ist es wirklich sehr schön, einfach mal die Fresse halten zu können, obwohl man zu zweit im
Raum ist. Und das konnten wir. Viel länger hätte das nicht laufen dürfen mit unserer kleinen WG, aber so war’s schon sehr korrekt und gut auszuhalten, und keiner von uns
hatte den Drnag, vor dem anderen flüchten zu müssen. Und ich habe gelernt, dass Gemüsebrühe mit ein paar Fetastückchen hammergeil schmeckt. Wer hätte gedacht, dass
ich mal von Carsten, der sich selbst als kulinarischen Blindgänger bezeichnet, Rezepte übernehme?!
Na, egal, wir haben am ersten Abend fürstlich diniert bei einer uns von der Rezeption
empfohlenen Pizzeria, wo ich mir ne fantastische Pizza gegönnt und auch Carsten damit durchgefüttert hab. Essen gehen mit ihm ist echt angenehm, denn das, was ich mir sonst
blöd, wie ich bin, noch mit Gewalt reinstopfen würde, damit es nicht weggeschmissen wird, reicht dem zum Überleben völlig aus, und so haben wir auch an den übrigen Abenden,
wenn wir mal was Futtern wollten, hervorragend mit diesem Foodsharing fahren können.
Ich glaube, die erste Nacht im Appartement hab ich gepennt wie ein Stein, aber nach dem anstrengenden Tag war das wohl kein Wunder.
Nächster Tag, Sonntag: Steffie hat Snowboardkurs. Also standen wir ein wenig unter Zugzwang, pünktlich oben am Deppenhügel anzutreten. Der Plan war, dass wir uns mittags dann in der
Schirmhütte zur Pause treffen würden, und dass Carsten auf eigene Faust losdüsen würde, während ich mich weiterbilden lassen würde. Klappte prima: Nach dem ersten Vormittag hatte
mich nicht nur die Erkenntnis gepackt, dass mein Kurs in Seefeld für’n Arsch war, sondern auch die, dass Snowboarden noch viel geiler sein kann, als ich dachte. Okay,
seltsamerweise taten mir mittags schon die Waden weh wie Axt, aber ansonsten war ich echt zufrieden. Statt fester Nahrung war uns beiden dann auch einfach ein kaltes
Getränk genug (Oder um das zu präzisieren: ich hab nen glatten Liter Cola in mich hineingekippt, und der war mit seinem Coffein- und Zuckergehalt auch echt nötig, obwohl
ich sonst eher nen Wasser vorziehen würde. Aber ehrlich, wie man beim Ski- oder Snowboardfahren was Richtiges essen kann zwischendurch, schnalle ich wirklich nicht…).
Nachmittags wieder Kurs für mich, derweil Freestyleboarden für Carsten. Anschließend
Treffen, weiter zusammen Fahren, zwischendurch gediegene Pausen in der Schirmbar, die nur ein Manko aufwies, nämlich diese furchtbare ballermanntaugliche Apres-Ski-Mucke
(Liedtexte wie “Pack ihn wieder ein, der ist mir viel zu klein” können auch einem Duo, dass selbst einem Text wie “Argh! Fuck! Kill!” sonst äusserst aufgeschlossen gegenüber steht
oder auch vor “Mein Glied ist zu groß” von den Kassierern nicht zurückschreckt, schonmal den Tag versauen...), und spätnachmittags dann Verlegen „nach Hause“. Abends
feuchtfröhliche Einkehr in die Containerbar, die jedem ans Herz gelegt sei, der keinen Bock auf Proleten-Hits wie „10 nackte Frisösen“ oder ähnlichen pubertären Schrott hat,
sondern schön mit Einheimischen plauschen und nette Leute wie Elfie, die kernige Bedienung, kennenlernen möchte.
Es folgte ein reichlich diesiger Montag, an dem ich vormittags wieder zum Kurs musste,
zum letzten Mal, und sicherlich nicht umsonst, denn ich hab echt ne Menge gelernt. Heissen Dank an Gabriella, meine Lehrerin, die den Grundstein für ein halbwegs dezentes Fahrverhalten bei mir legte, hehe.
Nach dem Kurs wieder Treffen, noch ein wenig Rumfahren zusammen, und dann der
folgenschwere Entschluss Carstens, die Piste bis nach unten runterzujodeln…
Ich war für ein weiteres feiges Runterfahren via Gondel, und so machten wir noch schnell
aus, an der Talstation aufeinander zu warten, und schwupp, weg war ich Richtung Seilbahn.
Als meine Gondel die Bergstation verließ, war Carsten unter mir gerade startklar und
fuhr an. Das heisst, den ersten Sturz, der aber nicht weiter dramatisch wirkte, habe ich noch live gesehen. Keine zehn Pferde hätten mich auf diese knüppelharte Eisfläche
gekriegt, und der Bengel schreddert einfach drauflos… Okay, so war’s nun auch nicht, im Grunde war das mehr ein Dauerrutschen auf der Brettkante, aber selbst das war nicht
gerade langsam, denn auf Eis hat man auch dabei nicht wirklich Grip.
Die Piste schlängelte sich dann unter mir weg, Carsten war erstmal ausser Sichtweite.
Giraffenhals machen, um ihn nach der nächsten Kurve vielleicht noch mal zu sehen. Jepp, da issa! Und der nächste Purzelbaum. Scheisse. Wieso hab ich den da eigentlich runter
gelassen? Weil ich nicht seine Mama bin. Gut, muss er jetzt durch.
Unten angekommen, platziere ich mich geschickt und erwarte eigentlich, jeden Moment
den Meister auf der letzten Hügelkuppe (oder auch gerne mal Kügelhuppe genannt in diesem Urlaub) auftauchen zu sehen. Jepp, da kommt einer auf nem Brett. Nein, ist er
nicht, zu klein. Weiter warten. Skifahrer, Skifahrer, Skifahrer… Brett! Falsches Bein vorne, Carsten ist auch Goofyfahrer und der Typ da oben hat den linken Fuß vorne anstelle des rechten.
Weiterwarten. 10 Minuten sind um. Ich werde langsam nervös. Die Piste ist auch hier
unten immernoch sausteil, Carsten hat nur ein Jahr Vorsprung, was das Fahren angeht, und ich einen Hang zum Paranoiden. Als die Schneeraupe plötzlich den Berg hinauf startet,
bin ich fast überzeugt, der Bengel liegt in einer riesigen Lache Blut, keinen Knochen mehr ganz, und gefriert langsam.
Nach geschlagenen 20 Minuten taucht mein persönlicher Star des Tages dann endlich auf,
anscheinend halbwegs vollständig mit Armen und Beinen ausgestattet, und der Kopf sitzt auch noch auf den Schultern. Die Haltung lässt ein wenig zu wünschen übrig, aber ich
selber wäre auf dem Hügel sicher 5mal den Heldentod gestorben, insofern reicht das durchaus aus, um bei mir erst einmal den Status eines wahren Spitzensportlers einzunehmen und die Hall of Fame anzuführen.
Man hat es, wie später berichtet wird, geschafft, so unglücklich zu stürzen, dass der
Brustkorb plötzlich schwerste Schmerzen bereitete und Carsten wohl auch nen Moment erwartet hat, nicht wieder hoch zu kommen. Atmen ist schwierig, und ich scherze
halbherzig rum, dass er sich nun wirklich nicht in JEDEM Urlaub die Rippen prellen muss, hab aber in diesem Moment eher die Befürchtung, dass das auch gut ein Bruch sein könnte.
Den unteren Pistenabschnitt ist keiner von uns (noch mal) runtergefahren dieses Jahr. Ich
halte auch nach wie vor alle, die das freiwillig immer und immer wieder getan haben, offiziell für wahnsinnig und bin eindeutig der Meinung, dass das im Leben keine rote Piste
sein kann, sondern steffienitiv schwarz wie die Nacht sein müsste.
Wir haben den Heimweg dann irgendwie geschafft, und ich war tatsächlich das
personifizierte Mitleid, auch wenn ich das natürlich nicht wirklich zugeben wollte.
Dafür sind wir dann am nächsten Tag erstmal ganz gemütlich später aufgestanden, haben
uns die Bretter beim Verleih abgeholt und sind mit dem Skibus nach Kaprun rübergefahren. Ab aufs Kitzsteinhorn (3200m), Gletscher unsicher machen!
Okay, ich hab wieder Theater mit dem Druckausgleich auf meinem linken Ohr gehabt, was
auch bei Flugreisen immer scheisse ist, aber wow, was für eine Aussicht! Was für Wetter! Was für eine geile Piste!
Ich hab noch nie so viel Fun beim Sport gehabt wie an diesem Gletscher, wenn man mal
vom Motorrad fahren absieht, und mir geht es auch halbwegs exzellent, wären da nicht wieder diese Wadenschmerzen. Carsten ist auch recht blass um die Nase, und so brechen wir mittags ab.
Mittwoch war dann der Tag der großen Knoten-Platz-Aktion: nachdem ich erstmal zur Apotheke getingelt bin, saftige 40 € (glaub ich, kann auch etwas mehr gewesen sein) für
Sportsalbe und Verbandsmaterial investiert und Carstens Rippen straff bandagiert hab, hat der sich revanchiert, indem er mir noch ein paar „Zuschauertipps“ zu meinem Snowboardstyle gegeben hat.
Irgendwie waren meine Kurven auf der Frontside richtig abgehackt, im Grunde hab ich immer volles Orchester gebremst, weil ich mit Gewalt das Bein rumgedrückt hab, um das Brett zu bewegen. Carstens Idee, einfach mal
nicht über meine Füße nachzudenken, sondern nur die Schultern zu drehen und den Rest vom Körper nachkommen zu lassen, zeigen sofort deutliche
Verbesserungen, und am Ende des Tages bin ich reichlich stolz, als ich gesagt bekomme, dass das jetzt richtig gut aussehe bei mir. Na, er selber sieht sowieso aus wie’n alter
Hase, also loben wir uns gegenseitig noch ein wenig über den Klee und enden wie üblich abends in der Containerbar.
Keine besonderen Vorkommnisse am Donnerstag, wenn man davon absieht, dass wir das
Kitzsteinhorn wirklich von ganz oben runterdonnern. Freitag dann nur noch der halbe Tag am Berg, danach Aufräumen im Appartement, Gepäck zusammenrödeln, ab zum Bahnhof, und die Odyssee beginnt erneut.
Ich war selten so müde und zerschlagen wie am Samstagvormittag, als mein Paps uns am Bahnhof eingesammelt und nach Haus gefahren hat.
Aber ich hab auch lange keine so geile Woche gehabt.
Abgesehen vom Boarden haben wir auch so ne Menge Spaß gehabt. Im Grunde war das
alles zwar keine Erholung, und ich hätte anschließend gut und gerne noch ne Woche Urlaub gebrauchen können, aber gelohnt hat es sich definitiv.
Nächstes Jahr müssen Anja und Bob schon mal auf jeden Fall mit, und Bettina überreden wir auch noch, hehe…
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