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09.04.2006

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Reise ins Ich

Kleiner Hinweis vorab: wer was Mordslustiges lesen will, ist an dieser Stelle falsch und sollte zu anderen Texten wechseln. Wer wissen will, wie man plötzlich dazu kommt, seine Einstellung zu manchen Dingen nahezu umzudrehen, der lese ruhig weiter. Ich bin selber noch recht erstaunt drüber:

 

Tja, also. Wie sag ich’s meinem Kind?! Am Besten kurz und schmerzlos: Ich habe feststellen müssen, ich bin ein spiritueller Mensch. (Ich weiss, an dieser Stelle reibt sich Carsten jetzt unisolo mit meiner halben Leserschaft ungläubig die Augen…)

So, und jetzt die lange Version: Abgesehen davon, dass die Lagergottesdienste, die Morgen- und die Abendrunden mit meinem Pfadfinderstamm lange das einzig Religiöse waren, was ich gerne mitgemacht habe, gab es natürlich auch in der regulären Gruppenarbeit immer wieder Anknüpfungspunkte. Ich meine, hey, wir sind ein christlicher Verein, der in die Gemeindearbeit vor Ort sehr stark eingebunden ist, insofern hat man da kaum eine Wahl. Mir ist dabei nie ein Zacken aus der Krone gefallen, aber meine Einstellung zu dem Thema wird wohl mit dem Text „Warum ich nicht an Gott glaube“ ziemlich deutlich.

Allzu tief müsst Ihr nicht noch mal in die Materie einsteigen, ich fasse das Ganze mal kurz zusammen: Mein Verhältnis zu Gott ist reichlich angepisst gewesen, und zwar seit Jahren. Sagen wir einfach, ich habe ne reichlich üble Erfahrung gemacht, und irgendwer muss bei so was immer schuldig sein.

Ich denke, ich habe mir selbst die Schuld dafür gegeben, und was ist dann leichter, als die auf den lieben Gott weiterzuschieben? Wenn man meint, sich selber reingeritten zu haben, hätte doch zumindest der noch was dran ändern können, oder etwa nicht?!

Klar, hinzukommt, dass ich, wie im anderen Text geschildert, schon als Kind echte Probleme mit dem Glauben gehabt hab. Da war immer die Erwartung, dass ich plötzlich alles ganz klar und logisch sehe, alles einen Sinn macht und ich keine weiteren Fragen mehr habe sondern einfach WEISS, was da Sache ist. Und das kam nie, stattdessen aber das Gefühl von „Was mach ich falsch und die anderen richtig?!“.

Hieraus resultierte eine „wenn Gott nicht mit mir will, will ich halt auch nicht mit ihm“- Haltung. Hm. Ungefähr so kann man’s umschreiben, auch wenn’s recht verkürzt ist und dadurch vermutlich dem langen Text etwas widerspricht (Ich will an dieser Stelle im Grunde nicht noch mal das „Warum sah ich’s so“ aufrollen, sondern nur kurz das „Wie hab ich’s nochmal gesehen?“ klären).

Na, jedenfalls mit dieser Einstellung, mit ner Menge Wut und Enttäuschung und „Hat doch alles eh keinen Sinn, der Mist“ im Bauch, bin ich gut durchs Leben gekommen.

Und dann kam Wangerooge.

Wir sind mit den Pfadis dieses Jahr ins Sommerlager auf die Insel gefahren, 14 Leiter und 66 Kids im Alter zwischen 10 und 18. Wir hatten traumhaft gutes Wetter, viele Workshops, die sich auf Meer, Watt und Strand bezogen und dadurch Natur pur von morgens bis abends.

Ich kann kaum beschreiben, wie es sich anfühlt, morgens um 6h in leichter Strandbekleidung am Ufer zu stehen und der Sonne entgegen zu gucken, den stetigen leichten Wind im Gesicht, der den Salzgeruch und feinen Sand mit sich bringt. Dazu die Geräusche vom Wasser her, ein paar Möwen und ansonsten NICHTS. Einfach Ruhe, einfach für sich sein, einfach das Denken einstellen und genießen und zufrieden sein mit sich und der Welt und diesen Moment sich ganz tief innen einnisten lassen als Notration für schlechtere Zeiten.

Als ich von meinem ersten kleinen Spaziergang wieder da war und gefragt wurde, wo ich denn gewesen sei, kam als spontane Antwort „Seele auftanken“.

Und genau das war’s.

Ich, hier, jetzt, alles ist gut.

Und das war nicht nur dieses eine Mal so, sondern immer wieder, und selbst, wenn Anja und ich mit einer Handvoll Kinder am Strand saßen, um unseren Lagersong zu texten, oder die komplette Rasselbande beim Muscheln suchen dabei war. Das klappte selbst dann noch, als wir unsere einen, einzigen Regenschauer hatten, ausgerechnet in dem Moment, wo alle zum Schwimmen wollten: klar kann man sich davon die Laune verderben lassen. Man kann aber auch einfach die Klamotten ausziehen und sich in Badezeug vom warmen Regen abduschen lassen.

Egal, wie sehr wir Leiter uns dank der ungewohnten Gruppenunterbringung im Großraumzelt auf den Zünder gegangen sind (Himmel, kann man sich im Lager herrlich grundlos in die Haare kriegen!) – ich hab selten so schnell so problemlos auf Gelassenheit schalten können wie in diesem Lager.

Wie üblich haben wir regelmäßig unsere Morgen- und Abendrunden gemacht, und ich war auch dort irgendwie innerlich viel präsenter als sonst.

Bevor es noch weiter ausufert: ich habe die Zeit auf der Insel genossen, und mich innerlich heil und ganz und gut gefühlt. Und als eines Nachmittags eins der Kinder beim Weg über den Sand ins Wasser anfing, „Preiset den Herrn“ zu singen, hab ich nicht drüber nachgedacht, wie der drauf kommt, sondern mitgesungen, denn in dem Moment war klar, genau, der hat Recht!

Kein Nachdenken, kein Grübeln, kein „Ich hab da aber nen Problem“, sondern einfach das Gefühl, dass das jetzt richtig ist.

Dann kam der Weltjugendtag.

Ich war nicht in Köln. Ich war aber in der Woche, in der meine Eltern Gäste aus Polen hatten, viel in Lüchtringen drüben. Wir haben seitens der Pfadis einige Aktionen mitgemacht, haben aber auch privat viel mit den Polen unternommen, immer im lustigen Sprachwirrwarr zwischen Deutsch, Polnisch und Englisch gefangen, aber immer gut drauf, immer wieder am Lachen - und als richtig gute Truppe auch in einigen Gottesdiensten und Andachten dabei. Und auch da war das Gefühl, hier bin ich richtig, hier pass ich rein, genau hier gehör ich grad hin und hab ne Menge Spaß und bin dankbar, dass ich dazu gehören darf.

Hey, Mädel, Moment mal! Was ist da los? Wieso passt es jetzt plötzlich? Wieso keine quälenden Fragen, kein „das geht über meinen Verstand“, kein „was für einen Sinn hat so was, wenn die Welt so schlecht ist“?!

Die Fragen kamen hinterher. Aber auch teilweise bereits Antworten. Der Prozess hat so seine Zeit gebraucht, aber das alles zu schildern wäre sinnfrei. Statt dessen einige Dinge, die mir so in den Sinn gekommen sind seit dem Sommerlager:

Punkt Nr. 1: (wie schon vor Jahren festgestellt) nicht überall, wo „guter Christ“ draufsteht, ist wirklich ein guter Christ drin. Und nicht jeder, der sonntags in der Kirche sitzt, hat deshalb auch begriffen, wieso er das soll und wie das Ganze überhaupt Sinn für ihn macht. Etliche sitzen da Woche für Woche aus schlichter Gewohnheit und sind nicht christlicher drauf als der Beelzebub.

Punkt Nr. 2: Nur, weil es für ein paar dort so klappt und die Kirche in der Form, in der ich sie kenne, für diese Leute genau der richtige Weg ist, heisst das noch lange nicht, dass alle anderen Wege in Richtung Gott falsch sind. Und wenn ich mich dort im „normalen“ Gottesdienst nicht wohl fühle, heisst das nicht, ich kann mit Gott nix anfangen, sondern ich kann mit der Kirche nix anfangen. Mir hat neulich noch ein sehr gläubiger Mensch erzählt, dass er jetzt endlich aus der Kirche ausgetreten sei, und das machte ne Menge Sinn für mich. In diesem Punkt unterscheidet sich der Glaube nicht wesentlich von Fußball: Bin ich etwa weniger sportlich, wenn ich nicht mehr im Verein, bei dem ich mich nicht wohl fühle, sondern mit meinen Kumpels auf der Wiese hinterm Haus kicke, dabei ne Menge Fun und echtes Gemeinschaftsgefühl hab und es deshalb sogar richtig GERN mache?! (Ich hoffe, für den Vergleich werd ich nicht erschlagen…)

Punkt Nr. 3: Sogar meine eigene Mutter, die für mich irgendwo ein Paradebeispiel an ernsthaftem, nicht aufs Revers gepappten, sondern einfach nur ausgelebten Glauben ist, die durch die Art, wie sie uns erzogen hat, und die Art, wie sie mit anderen Menschen umgeht, ein echtes Vorbild für mich ist, selbst DIE hat früher mit der Religion auf Kriegsfuß gestanden. Und auch bei ihr lag’s eigentlich nur daran, dass man ihr auf falschem Wege versuchte, das Ganze zu vermitteln. Ihren Weg gefunden hat sie letztlich allein. Und es scheint der richtige für sie zu sein.

Punkt Nr. 4: Warum ist die Welt so schlecht? Weil wir sie dazu machen. Und warum sollte da von aussen jemand eingreifen, wenn wir nicht einmal ansatzweise versuchen, die Suppe, die wir uns einbrocken, selbst auszulöffeln? Warum erwarte ich Wunder, wenn etwas mehr Menschlichkeit gleiche Ergebnisse erzielen könnte? Und ich selbst? Warum erwarte ich, dass ich Trost erfahre, wenn ich mich in Selbsthass und Vorwürfen suhle und mein Selbstmitleid genieße? Warum fordere ich Zuneigung von aussen, wenn ich mich selbst nicht leiden kann, mir selbst nicht verzeihen kann und insofern gar nicht wirklich wahrnehme, was andere für mich übrig haben?

Punkt Nr. 5: Zu glauben heisst NICHT, verstaubte Traditionen hochzuhalten, nachzuplappern, was selbsternannte Experten vorkauen, über den Rand der Bibel nicht hinauszuschauen und die Inhalte nicht ins Jetzt zu transportieren, mir pauschale Schuldgefühle einreden zu lassen, das Gotteslob auswendig zu kennen und allen anderen zu erzählen, dass sie alle in der Hölle landen und ich dagegen was Besseres bin.

Punkt Nr. 6: Zu glauben ist für jeden Einzelnen anders. Manche wollen oder können’s wirklich nicht, andere müssen ihren Weg erstmal finden. Ich bin gerade mal bei der Erkenntnis angekommen, dass ich einen Weg habe. Wie genau der aussieht, muss ich noch rausfinden, aber ich bin zumindest schon mal sicher, dass Wangerooge und die WJT-Woche Schritte in die richtige Richtung waren. Warum? Weil es mir gut ging dabei, weil es sich richtig anfühlte, und weil ich keine innere Zerrissenheit gespürt habe.

Punkt 7: Es gelten keine fremden Spielregeln. Alles, was mir andere zu diesem Thema sagen können, kann mir vielleicht helfen, kann aber nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Im Grunde muss da was aus mir heraus wachsen, und nicht von Dritten her „eingepflanzt“ werden. Aber manchmal können Dritte einem durch bestimmte Impulse ein wenig „Dünger“ liefern.

Punkt 8: Es gibt keinen Löffel! ;)

 

 

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