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09.04.2006

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Planlos und Spaß dabei

Versetzung zum 01.07.. Endlich. Dein alter Arbeitsbereich hat sich offiziell schon vor einem halben Jahr erledigt, aber dank diverser Restbestände, relativem Chaos in der Abteilung und einem lustigen kleinen Zuständigkeitenwirrwarr, bei dem Du bis heute nicht geschnallt hast, WAS von dem ganzen Mist, den Du gemacht hast, nun wirklich Dein Job war und was Schützenhilfe für andere, hast Du es nicht einmal geschafft, Deine Altlasten für die Nachfolgerin abzuarbeiten.

Du wusstest nicht so genau, was Dich aufgabenmäßig erwartet, nur, dass Du wieder mit den Kunden direkt in Kontakt kommen würdest, was Dir sehr passt. Du weißt auch jetzt noch nicht, inwiefern nun endlich mal mehr Geld drin sein wird, das Du grundsätzlich gut gebrauchen könntest. Du hast nicht einmal ansatzweise Ahnung, ob dieser ganze neue Aufgabenbereich nicht nach der nächsten Bundestagswahl schon wieder wegfällt, umstrukturiert wird, wiedermal alles über den Haufen geworfen wird.

Die letzte Woche hast Du in Schulungen verbracht, in denen die Trainer mit Dir unbekannten Begriffen und Abkürzungen jongliert haben und in einem Programm rumgeklickt haben, dass Du gerade erst in den Ansätzen zu durchschauen beginnst. Es wird aber mehrfach betont, welch große Verantwortung Du trägst, über welche Beträge Du demnächst zu entscheiden hast, dass die berufliche Zukunft Deiner Kunden zum großen Teil von Dir abhängen wird. Tuffig.

Und während Du von so einem Schulungstag mit einem Arm voller Dienstanweisungen nach Hause kommst, stellt sich einmal mehr heraus, dass über Dir ein Drache wohnt, der keine wichtigeren Sorgen hat als die zerbrochene Gartenbank, die auf Deiner Terrasse steht und schuld daran ist, dass SIE keine Gäste mehr auf ihren Balkon lassen kann, nur wegen Deiner Müllkippe hinter'm Haus. Oh, well... Das "Ach wissen Sie, sterben Sie doch einfach, dann haben wir hier alle unseren Seelenfrieden" tat Dir anschließend schon irgendwie leid, aber es kam so über Dich...

Und dann endlich kannst Du Dich morgens an einen Schreibtisch schwingen, der mit einem Rechner bestückt ist, den man getrost als antik bezeichnen kann.

Da sitzt Du nun halbwegs dumm in einem neuen Büro, das noch nicht einmal vier ganze Wände hat, und um Dich herum arbeiten mehrere Handwerker daran, dass die 4. doch noch vervollständigt wird, die Heizung eingebaut wird und das Licht endlich über nen eigenen Schalter an- und ausgeknipst werden kann. Dein Leben ist eine Baustelle.

Du wurstelst Dich allem Lärm und Staub zum Trotz und sogar mit den Arbeitern schäkernd durch einen Haufen eMails, die angeblich alle wichtig sind und die Du nicht einmal ansatzweise verstehst.

Nebenbei klingelt das Telefon ab und zu, und Du beantwortest Fragen zu Themen, mit denen Du Dich nur halb auskennst, vertröstest auf Kollegen, die Du noch gar nicht kennst, und zitierst Paragraphen, von denen Du einfach mal hoffst, dass dort auch das drin steht, was Du grade behauptest, und nicht etwa ne ganz andere Vorschrift. Egal, sofern die Auskunft falsch war, kannst Du ja hinterher einfach behaupten, der Kunde habe sich über den Krach der Flex hinweg verhört...

In so einer Situation merkst Du plötzlich, wie hilflos Du bist, sobald Du mal nicht der festen Überzeugung sein kannst, alles im Griff zu haben. Es ist so viel einfacher, wenn Du genau weißt, dass Du so gut wie alle Fragen, die aufkommen können, alle Probleme, die Dir unterkommen können, relativ flott klären kannst, dass Dich keiner dabei erwischen kann, dass Du unsicher wirst. Es ist so viel leichter, Entscheidungen zu treffen, wenn Du die Auswirkungen halbwegs abschätzen kannst. Es ist so viel bequemer, wenn in den meisten Fällen irgendwo im Hinterkopf was klingelt und ein "Das hatten wir doch neulich erst" aufleuchtet. Es ist so verdammt schön, wenn man meint, Ahnung von der Materie zu haben...

Jetzt sitzt Du also da, starrst leicht hilflos auf den Bildschirm und überlegst fieberhaft, was dieses furchtbare Programm Dir zu sagen versucht über den aufgerufenen Fall, die Stirn in Falten gelegt und auf dem Pflaster am Daumen kauend, das Du brauchtest, weil Du Dir an einer der scharfen Aluleisten, die irgendwann in der neuen Wand verschwinden sollen, den Finger aufgeschnitten hast. Und durch die Tür, die noch kein Schloss hat und deshalb immer wieder aufschwingt, lugt vorsichtig ein junger Mann rein, der genauso durch den Wind zu sein scheint wie Du gerade, und fragt, ob Du ihm vielleicht mal eben irgendwie helfen kannst. Du guckst ihn genauso ulkig an wie er Dich, nimmst den Finger aus dem Mund und musst unwillkürlich lächeln, denn Dein innerer Schweinehund lehnt sich zufrieden zurück, verschränkt die Arme vor der Brust und grinst:

"Alles klar, Jammerlappen, Du hast vielleicht nen paar harte Wochen vor Dir, und es ist scheisse, sich so zwischen allen Stühlen zu fühlen, aber Deine Kunden haben das zum Teil schon seit Jahren. Leb damit! Und jetzt sieh zu, dass der Junge aus dem Türrahmen kommt, bevor der so ne blöde Rigipsplatte ins Gesicht geklatscht bekommt!"

Zehn Minuten später hast Du mit dem Besucher seinen Fall grob besprochen, einen Termin vereinbart, zu dem er wiederkommen wird, und bis zu dem Du Dich zu allen seinen Fragen sowie über gescheite Lösungsansätze schlau machen wirst. Er hat im Gegenzug die Baustelle ordentlich gewürdigt und kurz geschildert, dass er schon mit Word am Anfang reichlich überfordert war. Als einer Deiner Handwerker wieder im Büro auftaucht und fragt, ob der Kunde der Elektriker sei, auf den Ihr schon den halben Tag wartet, muss sowohl der vermeindliche Strippenzieher als auch Du lachen, und Du verkündest freimütig, dass das Dein erster Kundentermin im neuen Job sei. Reaktion des jungen Mannes ist ein erstauntes "Was, wirklich? Sie kommen so locker rüber, ich dachte, sie machen das schon ewig!" Und zum Abschluss gebt Ihr Euch die Hand und seid offensichtlich beide froh, dass der zufällig bei Dir ins Büro gelatscht ist heute, auch wenn Du die Einladung zum Kaffee abgelehnt hast.

Heute hast Du was Wichtiges gelernt. Nicht, wie man dem Programm klarmacht, das man einen bestimmten Fall auf sein eigenes Organisationszeichen umstellen möchte, oder wie man rausbekommt, was die ganzen Abkürzungen heissen. Auch nicht, wie man den Kopfbogen der automatisch erstellten Einladungsschreiben anpassen kann, damit die eigene Telefondurchwahl drin steht und nicht die der Zentrale.

Aber Du weißt jetzt, das findet sich alles mit der Zeit, wenn man sich nicht überfordern lässt sondern kleine Brötchen backt und einfach irgendwomit anfängt.

Man muss nicht immer alles wissen. Man muss nicht alles können. Man muss aber auf die Kette kriegen, dass das so ist. Und wie man aus seiner Situation das Beste rausholt. Und manchmal muss erst jemand um die Ecke kommen und einen fordern, damit man das schnallt.

Der junge Mann schließt übrigens irgendwann im Herbst sein Methadonprogramm ab. Ich hatte mit ihm ein motivierenderes Gespräch als mit so manchem Vorgesetzten. Soviel zu „scheiss Junkies“.

 

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