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Ich werd's überleben

Montag, der 19.09.2005.

Ich sitze in meinem Büro, gegenüber steht das historische Rathaus, ein wunderschöner Weserrenaissance-Fachwerkbau, den ich sehr mag. Dafür hab ich in diesem Moment aber keinen Blick, denn ich bin sauer. Sauer auf die Kundin, die mich seit 10 min hängen lässt. Eigentlich sollte sie um 9h da sein, und mittlerweile bin ich der festen Überzeugung, dass ich gegen Mittag einen Anruf mit ner halbherzigen Ausrede bekommen werde.

Den Anruf hab ich nicht bekommen. Oder vielmehr, ich weiss es nicht, denn mittags war das gesamte Gebäude längst wegen Explosionsgefahr evakuiert…

Es war kein normaler Montag, es war eher ein Tag, den ich so schnell nicht wieder vergesse, einer, der viel verändert hat.

Was passiert ist? Nun, ich habe am Tag danach in einer eMail, die ich insgesamt drei Leuten geschickt habe, versucht, das Ganze aus meiner Sicht wiederzugeben, und die hatte ziemlich genau folgenden Wortlaut:

 

„ich hab papier in das altpapier werfen wollen und nicht getroffen, deshalb hab ich mich gebückt. in dem moment flog über mir mein fenster rein und es gab nen riesenkrach. wenn ich mich nicht gebückt hätte, hätte ich die scherben voll ins gesicht bekommen. als ich wieder hochkam, hab ich direkt auf flammen geguckt. ich dachte erst, jemand hätte das rathaus in die luft gejagt. dann wurde mir klar, dass das weiter rechts herkam, guckte zu den häusern rüber und eins davon war einfach weg. alles war voller schutt, dachziegel flogen zu uns rüber, auf meinem schreibtisch lag ein stück von der wand, draussen schrien leute um hilfe.

ich hab meine sachen gegriffen und bin losgerannt, und hab schon erwartet, dass unten verletzte liegen. hab schon überlegt, wo wir überhaupt verbandsmaterial haben. als ich aus der tür rauskam, war da nur schutt, glas, ziegelreste, rauch, flammen, teilweise meterhoch, und die schreie waren einfach WEG. und ich stehe da, suche die trümmer mit den augen ab, um zu sehen, ob da irgendwo wer drinliegt, und neben mir sagt jemand allen ernstes "scheisse, und ich hab meine kamera nicht dabei!" ich dachte, ich schlag den typ tot, hier und jetzt. stattdessen hab ich wieder in die trümmer gestarrt, weil ich immernoch nicht wusste, ob da irgendwo die menschen drin lagen, die ich um hilfe schreien gehört hab, oder ob sich um die einfach schon wer kümmert und die deshalb ruhig sind. es sah furchtbar aus, das war wie in einem kriegsfilm, richtig unwirklich, und ich hab da gestanden und ganz sachlich überlegt, ob unter all dem schutt noch autos stehen könnten, in denen jemand gefangen ist, oder ob die eh ins rathaus geblasen worden sein müssten, wenn da welche waren.

und dann ist da (ich weiss gar nicht, wo der herkam, aber der war nach max. 2 min da, kam vermutlich eh grad von boffzen, keine ahnung) ein notarztwagen, und der arzt springt raus, ruft "ich brauch jemanden hier, wir müssen da rein!" und stürmt in das eckhaus, in dem man durch die kaputten fenster sieht, dass da lauter trümmer drin sind, und aus einem auto, dass völlig demoliert war und vor der agentur stand, springt der fahrer raus und rennt ihm hinterher, und die beifahrerin sitzt da wie erstarrt, klammert sich an einem riesigen hund fest, der auf ihrem schoss sitzt und wimmert, und starrt mich an. und da sagt jemand "hier riecht's nach gas", und ein anderer ruft, dass wir alle sofort weg sollen, weil die leitungen beschädigt sein könnten und die nachbargebäude alle auch noch hochgehen könnten. also renne ich die paar meter zu dem auto und versuche mit einem kollegen, die frau da rauszuholen. und die lässt sich nicht rausholen, schrie nur immer wieder "macht die tür zu, macht die tür zu". Mein kollege ist dann einfach auf den fahrersitz gesprungen und hat den wagen weggefahren, und ich hab jemanden, der irgendwie so aussah, als hätte er ahnung von sowas (war wohl nen feuerwehrmann, der in der nähe war, keine ahnung, aber der hat das ganze halbwegs koordiniert) gefragt, was ich tun kann, ob ich irgendwo helfen kann, und der meint nur "macht, dass ihr hier weg kommt, ihr seid hier nicht sicher". also bin ich mit den paar kollegen, die draussen waren, richtung café brinkmann gelaufen, während x leute mit fotohandy oder gleich kamera zum feuer HINrannten. und da haben wir gemerkt, dass oben im haus noch leute sind. also sind tommy und ich wieder da rein, haben den flur abgelaufen und denen versucht, klarzumachen, dass auch für dieses gebäude explosionsgefahr besteht. die waren teilweise dabei, ihre schreibtische unter den scherben freizumachen. völlig durch den wind, verständlich, aber die wollten zum teil partout nicht raus.

irgendwann waren dann wirklich alle draussen, und wir sind richtung marktplatz gescheucht worden, weil wir den rettungskräften im weg standen – wie zig leute, die einfach nur gucken wollten. da sind wir dann mit dem gleichen argument weggetrieben worden: die rettungswagen kommen nicht zum unfallort, verschwindet hier. ich glaub, die haben uns einfach für gaffer gehalten, dabei sind den meisten von uns scherben, dachziegel und büroinventar um die ohren geflogen. Ich hab versucht, eine kollegin zu beruhigen, die war total aufgelöst. weil wir nicht wussten, wohin, sind wir dann zum möllinger platz und haben uns da in ein café gesetzt und kontrolliert, ob wirklich keiner fehlt oder verletzt ist. wöstefeld, leiter der agentur, kam und machte sich schwere sorgen um einzelne kollegen, fragte genau ab, wer morgens definitiv urlaubsbedingt nicht da war. irgendwann tauchte martin (unser geschäftsführer) auf, guckte in die runde, sagte dann "geht erstmal nach hause, wir rufen euch dann an" (wöstefeld hatte jeden seine tel.-nr. aufschreiben lassen, damit wir später hören sollten, wo wir heute hinsollen).
ich wusste zu dem zeitpunkt nicht, wie es den mädels im hotel geht (das war ja auch nur 100m weiter weg als wir), machte mir sorgen um die leute, die da verletzt waren, musste immer wieder an die schreie denken .

ich bin dann statt nach hause erst zum hotel, war froh, dass da so gut wie keine schäden waren und alle wohlauf. anja, bob und mama hatten zum glück eh keinen dienst. also bin ich nach hause gegangen, in der ganzen stadt alles kaputt, dieser furchtbare brandgeruch noch oben bei mir vorm haus riechbar, die luft total dreckig und mülmig.
als ich hier war, hab ich nur noch die jalousien zugezogen und mich auf dem sofa eingerollt und geheult. und dann ruft meine mutter an und sagt, ich soll da wieder hin, weil am marktplatz psychologen vor ort seien. das war, als würd mir wer sagen, ich soll direkt in diesen brennenden trümmerhaufen gehen! und um kurz vor 4 ruft martin an und meint, das sei ja ganz praktisch, wenn ich dann heute gleich zu ner kollegin ginge, dann könnte man da ja rückstände wegarbeiten.
ich hab seit gestern morgen nix richtiges essen können (is ja nix neues bei mir), hab die nacht wachgelegen, weil ich immer, wenn ich mal eingeschlafen war, alpträume hatte. ich hab kopfschmerzen, dass mir mein schädel wegfliegen könnte.

meine oma hat grad total fertig angerufen. sie meint, es sei ein wunder, dass mir nix passiert sei. sehe ich genauso. ich hab noch nie so viel gebetet wie jetzt. meine fenster sind so zerborsten, dass ich komplett gespickt hätte sein können. genauso hätte mich so ein fliegender dachziegel treffen können, die bis in unser haus geflogen sind, oder die abstürzenden lampen hätten mich erschlagen können. dass bei uns im ganzen haus keiner was abbekommen hat, kann einfach kein glück mehr sein. wir waren nur 30 meter weg, ich hab die hitze von der explosion im gesicht gespürt, als ich mich aufgerichtet hab...
thomas (mein bruder) hatte mich angerufen, 10 min, nachdem das ganze passiert war. wir waren grad am marktplatz angekommen. der hatte alarm in der kaserne und musste leute losschicken, die helfen sollten. hatte panische angst um mich gehabt, also hab ich nach unserem telefonat die sms an euch geschickt. der einzige, der überhaupt reagiert hat, war erstmal alex. hab dem zum teil recht wirr geschrieben, was los war. dann kam von bob ne meldung, dass sie okay ist. carsten rief mittags hier an, der hatte mit stinna schon telefoniert, die hatten versucht, mich im büro zu erreichen. bettina hatte ich die sms auch geschickt, die hat den beiden dann bescheid gegeben. carsten und bettina kamen auch gestern abend noch hier rum, fand ich total lieb, hab ich überhaupt nicht mit gerechnet. gestern abend dachte ich dann auch, ich hätte alles gut im griff.

oma meinte, ich soll rüberkommen, oder wenigstens bei dieser hotline anrufen, die die eingerichtet haben, für psychologische betreuung. ich fühl mich zu beidem nicht wirklich in der lage, die vorstellung, nem psychologen die ohren vollzuheulen, während der vielleicht grad eben noch wen betreut hat, der angehörige in lebensgefahr schweben hat... käme mir albern dabei vor.
ich hab den ganzen morgen irgendwelchen scheiss im fernsehen geguckt, und das werde ich vermutlich erstmal weitermachen.“

 

Ich hatte Glück. Mir ist nichts passiert. Das hätte aber auch ganz anders ausgehen können. Einem Mädchen, dass ein berstendes Schaufenster in den Rücken bekommen hat, wurden in siebenstündiger Operation 1,5 kg Glassplitter aus dem Körper geschnitten. Wäre meine Kundin gekommen, hätte ich im Augenblick der Explosion direkt vor meinem Fenster gesessen, dessen Splitter quer durch den Raum geblasen wurden.

Der Psychologe sagte, dass genau das der Punkt sei, den ich verarbeiten müsse. Im Unbewussten sei man sich klar, dass man jetzt eigentlich tot sein müsste. Das müsse man sich bewusst eingestehen und das Ganze auf sich wirken lassen.

Nun, ich muss sagen, es HAT auf mich gewirkt. So sehr, dass ich am zweiten Tag ernsthafte Angst hatte, einfach durchgedreht zu sein und nie wieder normal zu werden. Ich hab damit gerechnet, dass ich vielleicht den Rest meines Lebens als wimmerndes, weinendes Knäuel auf meinem Sofa kauern und bei jedem lauten Geräusch zusammenzucken werde. Ich hab mich gleichzeitig undankbar gefühlt, weil ich schließlich nicht einen einzigen Kratzer abbekommen habe und trotzdem so reagiert habe. Ich hab mir Vorwürfe gemacht, wieso ich nicht irgendetwas Nützliches gemacht habe, als ich auf der Straße stand, und einfach weggerannt bin, während andere versucht haben, zu helfen. Und ich hatte panische Angst davor, in die Stadt hinunter zu gehen, zu sehen, was da für ein Krater ist, wo früher ein Haus stand, das Rathaus zu sehen, dass so vertraut und schön und freundlich aussah und sich innerhalb von Sekunden in ein Trümmerfeld verwandelt hat. Ich hatte Angst davor, mein Büro betreten zu müssen, überhaupt auch nur einen Fuß in das Gebäude setzen zu müssen.

Ich hab’s überstanden.

Genau eine Woche nach der Explosion habe ich mit Hilfe meines Kollegen Tommy sowohl das Agenturgebäude als auch mein Büro wieder betreten. Ich habe mich allein in dieses total zerstörte Zimmer gehockt, in dem noch einzelne Glassplitter und Wandstücke herumlagen, und habe festgestellt, dass mir nix geschehen ist. Ich habe mich eine Etage tiefer, wo behelfsmäßig bereits wieder Fenster waren, hingesetzt und nach draussen gestarrt, wo Bauarbeiter langsam, aber sicher die Trümmer beseitigten, Dächer provisorisch verschlossen und Wände abstützten, und somit aus diesem Schlachtfeld da draussen eine „normale“ Baustelle machten. Wenn jemand Schutt von einem Gerüst aus in einen Container warf, bin ich bei dem Geräusch zusammengezuckt. Und musste lächeln, denn allen anderen ging es noch genauso. Mittags bin ich wie immer in die Stadt gegangen und hab mich mit Alex getroffen, und nach der Pause kam ich zurück und die Beklemmungen waren endgültig weg.

Aber eins ist hängen geblieben: Ich hätte jetzt tot sein können. Bin ich aber nicht. Und ich bin dankbar dafür. Aber ich bin auch nachdenklich geworden dadurch.

Ich hatte seit 2003 einige sehr, sehr üble Phasen. Mein Ex wollte sowohl mir als auch meiner Familie einreden, ich sei psychisch krank, weil ich vor lauter Belastung weder schlafen noch essen konnte und ständig Kopfschmerzen hatte. Nun, diesen Punkt hat der Doc mit mir besprochen und klargestellt: das ist Bullshit. Es ist eine völlig normale, wenn auch seltene Reaktion, wenn die Psyche bei Überforderung den Körper so mit reinreisst. Mir wurde fast noch dazu gratuliert, denn, so der Doc, wer Leid so intensiv wahrnimmt, der nimmt auch Glück wesentlich intensiver wahr. Und der sagt zu mir, die ich völlig aufgelöst vor ihm sitze und ihn mit Kulleraugen anstarre ob dieser Nachrichten, dass er sicher sei, dass ich ein wahnsinnig fröhlicher Mensch sei.

Und hey! Der hat Recht!

Ich hab’s nur lange durch Kleinigkeiten verbuddelt. Aber in den letzten Monaten war ich schon immer wieder sehr dicht dran am früheren Optimum. Und verdammt, wieso hab ich mich so oft von Nichtigkeiten runterziehen lassen? Wieso ist es so schwer, einfach zu sagen „Scheiss drauf, das Leben geht weiter“?

Warum an Menschen klammern, denen man mal wichtig war, wenn es jetzt nun mal nicht mehr so ist? Warum grübeln, wieso sich sowas so schnell ändert? Scheiss drauf, verdammt noch mal, wer mich nicht braucht, den brauch ich auch nicht!

Warum mache ich mir Sorgen, wie ich meinen Job hinkriegen soll? Ich mache das, was ich kann, und gebe mein Bestes, und das hat zu reichen, verdammt! Ich bin nicht Jesus, ich kann keine Wunder wirken, und jede(r), der in mein Büro kommt, ob Kunde oder Kollege, weiss das genauso gut wie ich. Ich mache Fehler. Und das ist okay. Also warum mir selbst zusätzlichen Druck machen?

Und warum erwarte ich von der Welt, dass sie perfekt wird? Alle um mich herum sind auch nur Menschen, und die machen logischerweise auch mal totalen Scheiss. Und auch das ist okay, und es ist nicht mein Job, jedem aus der Patsche zu helfen. Ich kann nicht immer alles wissen, jedem aus der Klemme helfen und allen alles recht machen. Viele erwarten das auch gar nicht von mir, also warum sollte ICH es von mir erwarten? Es reicht schon, einfach da zu sein und vielleicht auch zuzuhören, um den anderen nützlich zu sein. Mehr muss ich gar nicht leisten.

Und schließlich: es ist völlig okay, selber schwach zu sein. Ich muss nicht ständig eine Maske aufsetzen und so tun, als ginge es mir gut. Ich darf reagieren, wie ich es getan habe. Ich darf am Ende sein. Ich darf mir die Zeit nehmen, die ich brauche, um wieder klarzukommen, und es darf auch jeder wissen, dass ich diese Zeit brauche.

Und danach muss es dann auch wieder gut sein. Es nützt nichts, sich an das, was war, zu klammern und es festzuhalten. Meine Vergangenheit liegt hinter mir, positive wie negative Seiten muss man irgendwann loslassen.

Und wisst Ihr was? Ich merke, es geht mir jetzt viel besser. Ich sehe viele Dinge wesentlich lockerer. Das Meiste ist einfach überhaupt nicht so dramatisch, wie es einem früher immer vorkam. Und was das Wichtigste ist:

Egal, was noch kommt:

 

Ich werd’s überleben!

 

 

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