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09.04.2006

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„Was war denn nun so gut an dem Gottesdienst?!“

Da sitz ich nun mit Alex in unserer Mittagspause an der Weser und denke mir, dass er da ne richtig gute Frage gestellt hat. Die dann auch ne gescheite Antwort verdient, denn immerhin hab ich dem nachts um halb 1 noch ne SMS geschickt, dass ich grad direkt aus der Kirche komme, wo wir mit den polnischen Gästen, die zum Weltjugendtag bei uns waren, ne richtig spitzenmäßige Messe hatten.

Ja, richtig gelesen, ich.

„Ich hab versucht, Alex zu erklären, wie das gestern Abend war“, erzähl ich drei Stunden später Bob, die derweil zusammen mit ihrer Kollegin Luise weiter Tische im Hotelrestaurant abwischt, „Ich hab erzählt, dass wir nix verstanden haben, dass der Novize, der das Ganze geleitet hat, aber trotzdem viel besser rüberkam als unser eigener Pastor immer, dass die Stimmung einfach spitze war und wir zu zwei Gitarren und ein paar Bongos gesungen haben.“

Bob nickt. Bob hing letzte Nacht in der Kirche ein leicht verträumter Ausdruck im Gesicht, als sie sich mit den Worten „Ist das geil!“ an mich wandte. Sie wischt noch mal über den Tisch, an dem sie schrubbt, und guckt mich an: „Und?“ – „Noch als ich das erzählt hab, hab ich gedacht, das klingt total bescheuert“, sage ich, während ich ein wenig verlegen an meinen Haaren rumdrehe. „Stimmt. Klingt bescheuert. Wenn man das so hört…“ Bob zupft die Tischdecke wieder zurecht.

Ich guck Luise an, die meinen Blick ein wenig undefinierbar erwidert.

Tja, also Bob, die nicht an Gott glaubt, und ich, die ich grad mal soeben wieder auf zaghaftem Schmusekurs bin, wir hatten einen tollen Abend. In der kleinen erzkatholischen Kirche in meinem Heimatdorf. Mit 60 Jugendlichen aus Polen, deren Pfarrer, einem Pater und einem Novizen, den die mitgebracht haben. Und etlichen anderen Dörflern, die alle Sonntagnacht um halb zwölf mal eben so zusammengekommen waren, um einen Abschiedsgottesdienst zu feiern, bevor die Polen wieder nach Hause durchstarten..

Am Wochenende vorher hab ich selber meine Oma nach der Messe zwar rausgehen sehen (wegen der, ihrer Osteoporose und der Befürchtung, dass sie irgendwann alleine im Mittelschiff mit Oberschenkelhalsbruch liegen bleibt, bin ich überhaupt wieder damit angefangen, in die Kirche zu gehen), bin selber aber nach vorne in die ersten Bänke gegangen und hab noch ne geschlagene Stunde versucht, polnische Kirchenlieder zu lernen. Wir haben teilweise einfach zweisprachig geträllert, wie zum Beispiel das „Preiset den Herrn“, auf das wir im Pfadfinderlager immer ne Art kleine Morgengymnastik mit spirituellem Anspruch hinlegen (Man wird wach dabei und die Kiddies singen das den halben Vormittag noch vor sich hin hinterher), haben zahllose einfache deutsche und polnische Lieder mit vielen Kyries und Hallelujas und was man sonst noch so universell wiedererkennen kann drin gesungen und einen schmissigen Kehrreim sogar auf den Flamencorhythmus geschmettert, den der polnische Priester vorgeklatscht hat. Und ich bin sicher, da haben sogar welche vom Kirchenvorstand, die sonst den Eindruck machen, zum Lachen in den Keller zu gehen, fleissig mitgeklatscht.

Je öfter ich mir das hier durchlese, desto komischer klingt es, aber dennoch war die komplette Kirche voll mit Leuten, die das einfach nur miterleben wollten, die zusammen ne Menge Spaß hatten und trotz aller flotten Klänge eine wahnsinnig dichte Atmosphäre von Gemeinschaft und Freude und… weiss ich nicht, was, hatten.

Ich selbst muss sagen, in dem Moment, wo ich kläglich versagend versuchte, die Texte, die mir Ania aus Polen unter die Nase hielt, mitzusingen (Jemand schon mal versucht, Polnisch überhaupt korrekt laut vorzulesen? Nahezu unmöglich ohne Übung!), ging’s mir einfach nur so richtig gut.

Und gestern, als keiner von uns Deutschen auch nur ansatzweise wusste, was wir grad genau machen, wo wir nur wussten, wir beten jetzt das Vaterunser, weil sich plötzlich alle an den Händen nahmen, wo wir wussten, aha, jetzt kommt die Kommunion, einfach nur aus dem Grund, weil der ungeweihte Priester die Hostien aus dem Tabernakel holte und die ersten Polen sich aus den Bänken schoben, wo wir eigentlich alle mehr oder weniger im Blindflug dabei waren, immer wieder eingehüllt in diese wahnsinnig guten Melodien des polnischen Jugendchores, der eine Woche bei uns gewohnt hatte, gestern haben wir alle dieses richtig gute Gefühl gehabt, was Tolles zusammen zu machen. Mein Papa stand neben mir in der Bank und strahlte. Der war meines Wissens zuletzt 1999 bei meiner Hochzeit in der Kirche, weil er damit eigentlich auch nix anfangen kann. Und ich bin nach vorne marschiert und habe mal ausnahmsweise nicht drüber nachgedacht, warum mir der Leib Christi in all seiner göttlichen Herrlichkeit immer total weltlich und hartnäckig im Zahn hängen bleiben muss, sondern fand’s einfach nur cool, dass ich dabei war.

Tja, wie erklärt man das, ohne sich komplett zum Rollmops zu machen? Irgendwie gar nicht. Was sagt Bob abschließend dazu, während sie eine Tischdecke geraderückt?

„Das muss man erlebt haben!“

Find ich auch.

 

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