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Ach ja. Weihnachten. Ich hab vorher schon gedacht, es kann nur schief gehen, und ich hatte dann auch am 23. schon das erste Mal die
Schnauze voll, war doch „die andere Oma“ zu Besuch bei meinen Eltern und hat die sonst schon eh nicht wirklich gute Stimmung so richtig in den Keller getrieben bei mir. Ich meine, egal wie sehr man sich selber
pusht, wenn da jemand sitzt und einem fröhlichst erzählt, man habe sein Leben verpfuscht, weil man sich getrennt und ein Haus aufgegeben habe, und jetzt könne ich aber zusehen, dass ich überhaupt noch was beschickt
krieg im Leben….. Nun ja, ich war dann leicht UNGEHALTEN…
Netterweise haben wir am 23. jedes Jahr auch Treffen von den Abikollegen, und wenn man dann völlig entnervt in die Kneipe kommt und
wird von Björn und Uli angestrahlt, dann ist das schon recht heilsam. Merke: Wichtig für gutes Gelingen des Projektes „Abitreffen“ ist eigentlich nur, dass meine Jungs dabei sind, die seinerzeit mit mir diverse
Fantasy-Rollenspielwelten unsicher gemacht haben, und da gehören quasi diese beiden dazu und Christian, der trotz Fieber dann auch noch dazu kam. Danke, Männers!
Heiligabend. Ohmigod. Grundsätzlich war es ja schön, aber irgendwo war da immer „die andere Oma“… Wenn man im Geiste so weit ist,
ungefähr 128 Rechtfertigungen dafür parat zu halten, dass man unverschämterweise noch keinen Stall voller Kinder hat, ist das nicht sehr stimmungsfördernd. Am 1. Feiertag war dann im Grunde egal, was die gute Frau
sagte, denn sobald sie überhaupt nur den Mund aufmachte, war’s um meine Geduld geschehen. Irgendwann gegen Abend war ich zum Mord bereit, hab mich nach Hause verpisst, hab den Rechner abgeworfen und wollte einen
sehr individuellen Beitrag zum Thema „Aktive Sterbehilfe“ schreiben. In diesem Zustand traf Thorsten im ICQ auf mich und kriegte den ganzen Segen erstmal ab. Und was macht der normaldenkende Mensch dann, der nicht
nur völlig unbeteiligt ist, sondern auch noch 300km weit weg wohnt? Richtig, lädt einen ein, einfach ins Auto zu steigen und bei ihm rumzukommen…
Etwa 20 Minuten später waren wir dann in der konkreten Planung, wobei ich anmerkte, ich sei am überlegen, ob das nun ne fixe Idee oder
ne coole sei.
Nun ja, ich bin dann um 21h in Höxter gestartet, war um 0.15h in Frankfurt (Jaaa-ha… NICHT Frankfurt… schon gut!), wo ich dann erstmal
noch ne halbe Stunde die Wohnung annektiert hatte, weil der werte Herr im Kino waren, „Nightmare before Christma“ gucken, wie sich das gehört zu Weihnachten. Nachdem dann um 0.45h der Hausherr die Schlüsselgewalt
zurückgefordert hatte, haben wir dann die nächsten zwei Tage das einzig Logische gemacht, was man in so einer Situation machen kann: Plätzchen gefuttert, Whisky getrunken, Unsinn erzählt, über die Filme im TV
gelästert, Comics, DVDs und Bücher gekauft und „World of Warcraft" gespielt wie die Blöden. Nun ja, ich zumindest wie ne Blöde. Thorsten hat es tapfer ertragen, dass ich seinen Rechner blockiert hab, und
einfach ab und zu dafür gesorgt, das ich Nahrung zu mir nehme, hehe.
Als ich dann am 27. wieder durchstarten wollte, waren zwei Dinge festzustellen:
- War ne coole Idee, steffienitiv
- Ich MUSS dieses Spiel weiter spielen!
So wurde denn am folgenden Tag der Rundruf gestartet, um sicherzustellen, dass mein geliebter Bruder seine ausrangierte Grafikkarte
nicht anderweitig verscheuert, sondern in meine alte Brotkiste einbaut (Feststellung Thorstens, nachdem wir via ICQ geklärt hatten, was ich denn bis dato für eine im Rechner hatte: „Na, da fehlen Dir ja nur 120MB!“
– Ich konnte das fette Grinsen quasi bis Höxter SEHEN…), nach vergeblichem Versuch, die Zeitschrift mit der Demoversion noch zu ergattern, für teuer Geld das Spiel erstanden und ab dafür „mal eben“ WoW installiert,
wohl wissend, damit dem Trend etwa ein Jahr hinterher zu hinken, denn, so wurde mir ernüchternd bereits mitgeteilt, „das spielt doch schon keine Sau mehr!“. Na, welch Glück, dass ich keine Sau bin, wollt mir schon
Sorgen machen… ;)
„Mal eben installieren“ erwies sich als eine Zeitspanne von doch nur 2,5 Stunden, waren doch noch diverse Downloads nötig, bevor es
dann losging. Netterweise hatte ich da ja mein PC-Navi im Skype am Rohr, und so war das Ganze letztlich recht witzig.
Okay.
Eine Woche später hab ich dann schon erste schlimme Nebenwirkungen festgestellt.
Zunächst einmal sinnierte ich plötzlich darüber nach, wo zum Geier meine Schandmaul-CD abgeblieben ist, was ja noch im grünen Bereich
anzusiedeln ist. Dann probierte ich aus, wie es ist, die Treppe einfach mal runterzuhopsen. Den eingebauten Salto hab ich mir zum Glück verkniffen, immerhin.
Noch ein wenig später setzte dann seltsames Sprachverhalten ein: man brüht morgens keinen Kaffee für die Büromannschaft, sondern levelt
seine Kochskill, der seltsame Arbeitsauftrag des Chefs wird zur Idiotenquest, Mamas Freitagsküche wird als „mindestens Ausdauerbuff +5!“ gelobt, nervige Verkaufsanrufer am Telefon werden nicht einfach aufgehängt,
sondern auf die „Ignorelist“ gesetzt…
Ich stelle fest, dass ich Bobs Anfrage zum Essen gehen mit „Ich kann nicht, ich bin grad mitten im scharlachroten Kloster!“ absage,
statt einfach zu sagen, „Ich spiel mit Thorsten am Rechner“. Missgeschicke und Heldentaten meiner Charaktere in der Spielwelt werden zu meinen persönlichen Glücks- oder Unglücksfällen, ich freue mich wie ein
Kleinkind über neu erworbene Lederverarbeitungsrezepte, gefundene Rüstungsteile oder seltene Questbelohnungen, und irgendwann ist der Tag gekommen, an dem Thorstens Charakter meinem einen virtuellen Brief mit
virtuellen Gegenständen im Anhang schickt, meiner antwortet, und von der Gegenseite festgestellt wird „Oh Gott, wir schicken uns schon Briefe im Spiel, statt zu mailen!“. Und die Antwort kommt trotzdem im
WoW-Briefkasten von Thula an, statt in Thunderbird…
Meine Charaktere, besagte Thula, Ashlar, Akeela und Thud sind plötzlich eigenständige, wenn auch erfundene Personen für mich, während
das Wort „Birke“ nur noch für eine elfische Jägerin, aber nicht mehr für einen Baum steht. So wie „TS“ nur für „Teamspeak“ stehen kann, für was denn auch sonst, bitteschön, und jeder, der bei Gebrauch der Abkürzung
blöd grinst, erntet Unverständnis von mir. Dabei war bis vor Kurzem „CS“ auch nicht „Counterstrike“ in meinem persönlichen Abkürzungsverzeichnis…
Okay, sehen wir den Tatsachen ins Auge: es ist eine verdammte Sucht. Wenn Du keinen Bock auf nix mehr hast, der Tag scheisse war, alles
Mist ist, dann gehst Du online, prügelst ein paar fiese Mobs zu Brei und erzählst Dir dabei gegenseitig, wie übel die Welt Dir heute wieder mitgespielt hat. Ganz nebenbei lernst Du ne Menge neue Leute kennen, indem
Du mit anderen Spielern im Chat quatschst, deren Charakteren aus der Patsche hilfst, umgekehrt deren Hilfe suchst und bei einigen Wenigen sogar so weit gehst, Deinen Namen (oder gar die Addi Deiner Website) bekannt
zu geben. Ansonsten gibt es Leute, für die bist Du halt „Thula, die bei der Wasseramulettquest geholfen hat“, so wie die für Dich „Snorri, der die blaue Axt aus dem Raptor geholt hat“ oder durchaus auch „XXX, das
Arschloch, das Thud das Leder vor der Nase weggegeklaut hat“ sind.
Okay, was nicht ganz unerheblich ist, ist wohl auch der Umstand, dass es einfach schön ist, wenn man weiss, ich gehe jetzt on, und dann
kommt als Erstes ein fröhliches „Servus!“ über den Kopfhörer und dann wird munter geplauscht, selbst wenn das andere Ende grad mit nem Charakter der gegnerischen Fraktion im Spiel steckt. Oder aber, Du sitzt im Büro
und hast Frust, und es kommt eine Mail mit kurzer Rückmeldung, dass Birke grad ne geile Waffe gefunden hat. Und letztlich bleibt das Spiel ein Spiel: ich bin weder ne zartlila Elfe mit grünen Haaren noch ein
klobiger Taure mit Stierkopf und Hufen, und darüber bin ich mir schon noch klar.
Aber geil ist es trotzdem, hehe…
Und für alle, die voller Fragezeichen im Gesicht jetzt sagen, wovon redet die Frau, hier noch nen kleiner Artikel zum Thema.
So, dann lest Ihr das noch schön, und ich geh derweil mit Thula on, die soll heute noch nen Level weiterkommen...
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