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Schöne Bescherung...

22.12.2005.

Du sitzt seit Tagen täglich von 7 bis 18 Uhr im Büro, und so wird es auch heute laufen, denn bis Ende Januar müssen die Daten von 5000 Leistungsempfängern für das neue Programm fit gemacht werden. Deshalb hängst Du sogar samstags hier, und Du hast Dich – was das Schlimmste ist! – auch noch freiwillig für diesen „Zusatzjob“ gemeldet. Nach den üblichen Beratungsgesprächen und Abstimmungsgeschichten mit den Maßnahmeträgern hackst Du also zusätzlich noch stundenlang in der EDV rum.

Im Geiste bist Du eher bei der Frage, wie Du die Geschenkidee für Deine Eltern möglichst ansprechend umgesetzt bekommst, denn einen Gutschein zu holen erscheint Dir zu unpersönlich. Bei diesem Gedankengang fällt Dir auf, dass Du exakt so etwas Unpersönliches für Deinen Bruder und seine Perle auf Lager hast. Vielleicht doch noch zusätzlich ne Kleinigkeit holen?! Ein kleiner Stoßseufzer, dann die Entscheidung, nimm einfach ein bissl Glühwein mit und hilf ihnen, die Katze aus dem Christbaum zu pflücken, da haben wir alle was von.

Ausser für die Familie hast Du nur für 4 andere Personen überhaupt ein Geschenk, und EIN Geschenk trifft es da recht exakt, denn für einen hattest Du die Idee seit Monaten im Hinterkopf, um einen Running Gag zwischen Euch endlich mal richtig auszureizen, und hast kurzerhand beschlossen, für die anderen drei ist das auch ne prima Sache.

Aber was Du für nen richtig guten, gelungenen, schönen Einfall gehalten hast, als Du es besorgt hast, erscheint Dir mittlerweile irgendwie lieblos, aber erstens ist es jetzt eh zu spät und zweitens fehlt Dir für kreative Impulse zurzeit… nun ja, die Kreativität.

Vielleicht steht deshalb auch seit Tagen eine halbfertig verzierte riesige Stumpenkerze mittig in Deinem Wohnzimmer, damit Du täglich dran erinnert wirst, wobei Du aber eh längst annimmst, dass Du am 24. erst wieder zu den Wachsstiften greifst, denn Dein Patenkind, das sich so was von Dir gewünscht hat, erscheint schließlich „erst“ am 25., um die einzusammeln.

Du bist heilfroh, dass mit Stinna und Eltek schon im letzten Jahr eine Art Nichtangriffspakt in Sachen Weihnachtsgeschenke ausgehandelt wurde, und alle anderen können Dir einfach gestohlen bleiben dieses Jahr: Kein exzessives „was Besonderes ausdenken“ mehr. Fällt eh nicht auf.

Du lässt spontan einen kleinen Stoßseufzer los: Im Radio kämpfen sich Juli zum wer-weiss-wievielten-Mal durch die Nacht. Du selber kämpfst Dich eher durch die Vorweihnachtszeit. Du verziehst das Gesicht ein wenig bei dem Gedanken. Früher hattest Du mal Spaß an Weihnachten, nicht wegen des ganzen kommerziellen Brimboriums (Gott bewahre…), sondern weil es was Gemütliches und Schönes war, worauf man sich freuen konnte.

Dieses Jahr zieht alles einfach an Dir vorbei. Gelegentliche Hochphasen wie Plätzchenbackdrang und Glühweintrinken auf dem Weihnachtsmarkt mit Lena und Stinna können irgendwie nicht drüber wegtäuschen, dass Du eigentlich gefühlsmäßig leicht ausgebrannt bist. Es ist auch so ziemlich das erste Mal, dass Du keinerlei Plan für Silvester hast, und selbst das ist Dir gerade relativ schnuppe.

Kontakte mit Freunden beschränken sich zurzeit fast ausschließlich auf gelegentliche eMails und SMS, wobei eingehende Antworten zum Teil auch schon  Glückssache sind. Wenn Du mal rausgehst, gehen Dir alle Fremden pauschal auf den Geist und Du hast keine Lust, Dich mit neuen Leuten auseinanderzusetzen. Also hängst Du die meiste Zeit alleine rum, liest viel, guckst Blödsinn im Fernsehen, badest, bis Dir Schwimmhäute zwischen den Zehen wachsen, und siehst das zweimal wöchentliche Training als Höhepunkt Deines Wochenablaufs an, denn nach einer Stunde wildem Rumhanteln bist Du so richtig ausgepowert und auf Endorphinhöhenflug und hast das Gefühl, Dir die anschließende Sauna verdient zu haben. Und das, wo Du vor zwei Jahren noch öffentlich gegen Fitnessstudios gewettert hast! Welch Niedergang der früheren Werte! Tztztz…

Während Du so ins Grübeln kommst, stellst Du weiter Daten um. Überhaupt bedienst Du den Bürorechner mittlerweile fast im Schlaf. Kein Wunder, dass Du schon von der Arbeit träumst und Dich versehentlich zu Hause am Telefon schon mit Namen und Dienststelle statt mit dem üblichen „Hallo?!“ gemeldet hast…

Auf den Zuruf Deiner Kollegin hin springst Du auf und wechselst in ihr Büro rüber, um kurz nen Fall über ihrem Rechner hängend zu besprechen, danach begibst Du Dich auf den Rückweg in Deine eigene Kemenate.

Und dann ist plötzlich im Flur eher im Augenwinkel als bewusst wahrgenommen diese Frau, die auf Dich zukommt. „Sieht cool aus“, denkst Du, und stutzt und bleibst stehen. Plötzlich wird Dir was klar:

Ich starre auf mein Spiegelbild in der gläsernen Flurtür, und ich hab mich im ersten Moment selber nicht erkannt: da steht eine junge Frau, die ich lange nicht mehr so bewusst wahrgenommen hab.

Na gut, denk ich mir, ist alles nicht so prall diesen Winter, und wer weiss, was noch so kommt. Schwere Zeiten festigen den Charakter, und mein Charakter ist langsam aber sicher bombig gefestigt, ob der anderen so nun passt oder nicht. Also, ich meine, es kann jetzt langsam aber sicher mal wieder ne weichliche Phase kommen. Da hab ich nix gegen. Und die Voraussetzungen dafür sind topp:

Ich ziehe bald in ne tolle neue Wohnung, wo ich endlich meine geliebte Hängematte wieder aufhängen kann, denn dort hab ich ne Menge Platz.

Es steht zwar dieses Jahr kein Snowboarden, dafür aber ne Woche London im Februar an, die aufgrund der Reisebegleitung in Form von Anja und Bob das deutliche Potenzial für ne Menge Fun hat. Wenn es mir irgendwie möglich ist, endlich mehr Geld zu kriegen in diesem Laden hier, wird im Herbst wohl auch noch nen kleiner Badeurlaub zum Abgammeln drin sein, ansonsten gibt es aber auf jeden Fall wieder ne Woche Sommerlager, also hab ich Zeit genug, im nächsten Jahr den Sums hier auch mal wegzuschieben. Ansonsten hab ich jederzeit die Möglichkeit, einfach mal tief durchzuatmen. Was ich grad tue, so mitten im Flur und zwischen unseren Bürotüren. Und ich fühl mich gut.

UND: Mein Spiegelbild grinst fett mit mir um die Wette und hält mir einen anerkennenden Daumen entgegen, bevor ich mich an meinen Schreibtisch trolle:

Cool.

Die Arbeit ist immer noch eher stumpf, aber ich summe zum Radio mit (die dudeln was von wegen „That’s where you belong, in my arms, Baby, yeah!“ und zur Abwechslung mal kein Tokio Hotel-geSCHREI: ich bin zufrieden, hierzu kann man wenigstens lustig mit dem Knie wibbeln).

Dieser Arbeitstag geht auch vorbei. Morgen noch nen halber, danach Eierpunsch auf dem Weihnachtsmarkt mit den Kollegen, dann Baum schmücken bei meinen Eltern, dann Klassentreffen mit „meinen Jungs“. Dann am nächsten Morgen meinen eigenen Baum schmücken, die Kerze fertigdengeln, „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ gucken, es vielleicht dieses Jahr mal schaffen, den auf Video zu bannen, dann die Blockflöte und die Familienpräsente schnappen und ab zu Oma, Bescherung zelebrieren. Meine Oma hat schätzungsweise 10 Pfund Plätzchen an den Mann bzw. die Enkel zu bringen, meine Mutter wird wieder richtig gut kochen, wir werden alle zusammen nen Weihnachtswhisky trinken, in der Christmette „Oh Du fröhliche“ schmettern, danach mit Verena nach Hause wackeln und bis halb eins noch quatschen. Und Silvester wird anständig einer draufgemacht, gute Laune gehabt, mit Thomas, Ina, Anja, Bob und wen wir noch so mobil machen was Fröhliches unternommen und nen bissl einer gekippt, dass das mal klar is, Frollein!

 

Na also. Geht doch…

 

 

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