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Irgendwann im letzten Oktober kam eine Idee auf: Luises Eltern machen Urlaub in London, und wir alle könnten das eigentlich auch machen.
Bob, Anja, Luise und ich waren ruckzuck in konkreter Planung versunken, Papa Luise bekam das Geld und den Auftrag, günstige Flüge für
uns zu buchen, und schon waren wir durch mit der Vorbereitung.
Okay, bereits Wochen vor dem Abflug wurde mir ungefähr 128.000mal gesagt, dass ich eigene Bettwäsche einpacken muss und die Handtücher
net vergessen darf. OOO-kay. Manche Leute sind ja tatsächlich schwer von Begriff, also hab ich das mal so hingenommen. Ansonsten wäre vielleicht noch die leicht chaotische Versorgung mit „England-Geld“ (höhö…)
erwähnenswert. Grundsätzlich waren wir aber alle auch selbständig in der Lage, eine Woche Urlaub klamottentechnisch vorzubereiten. Beruhigend.
Am Tag der Abreise war Anja durchaus nervös, was mich umso dankbarer sein ließ, dass wir vom Flughafen Paderborn-Lippstadt aus fliegen
konnten. Diese Einrichtung hat mit einem Flughafen ungefähr so viel zu tun wie der Höxteraner Weserdampferanleger mit dem Hamburger Hafen, und es geht dort recht familiär zu. Glücklicherweise war denn auch mein Paps
rechtzeitig zur Stelle, um die Hühnerhorde einzusammeln und zum Flugplatz zu bringen. Luise war bereits vorgereist, um noch ein paar Tage mit ihren Eltern zu haben, so dass wir als lustiges Dreiergespann dem werten
Herrn Greger gehörig auf den Geist gegangen sein dürften. Der war so froh, uns „loszuwerden“, der hat sogar ne Runde Kaffee bezahlt.^^
Man stelle sich Folgendes vor: Steffie steht in Deutschland im Duty free-Shop, um dort eine Flasche Whisky zu erstehen, die zwar nicht
steuerfrei verkauft wird, da wir innerhalb der EU reisen, aber dennoch deutlich günstiger ist als in Deutschland – und gleichzeitig noch erheblich günstiger im Vergleich zum Herkunftsland, in das ich die Pulle
eingeführt hab, um sie dann wieder zurück nach Deutschland zu bringen… Betupft, aber okay. Ich hab über 10 Euro gespart an dem Schluck.
Gut. Anschließend haben wir den Wartebereich am Gate zur Partyzone erklärt und uns schon mal ein wenig in Stimmung gebracht. Anja hat
wie wild Fotos geknipst, von denen wir ja sofort verlangt haben, dass die ALLE gelöscht werden. Frauen. Is klar.
Dann Boarding. Wir nehmen alle Zeitschriften an uns, die überhaupt von Air Berlin angeboten werden, schließlich sind die umsonst und
der Informationsbedarf ist groß. So kommt es, dass ich im Flieger den ersten Feindkontakt mit der Zeitschrift „In touch“ habe, was mich schockiert. Ich dachte, die Bravo sei nicht mehr steigerungsfähig, aber dieses
Käseblatt stellt ja sogar die Bildzeitung in den Schatten: das Niveau ist geradezu unterirdisch. Aber ich bin amüsiert.
Schön auch, dass wir ein Hochglanzmännermagazin mit erwischt haben. Endlich bin ich über die Hobbies der 23jährigen Jenny informiert,
die sich nämlich nicht einfach den ganzen Tag nur leicht bekleidet vor der Kamera räkelt, nein. Sie ist auch ein sehr romantischer Typ und sucht noch nach dem Richtigen. Anschließend lese ich noch von einem, „der’s
geschafft hat“: Thomas Kretschmann, der als Vorzeigedeutscher in Hollywood darüber sinnieren soll, wie man auf die Idee kommt, erst den Papst und danach einen Menschenfresser zu spielen. Oder umgekehrt. Auch nach
intensivem Studium des Interviews verschließt sich mir irgendwie, welche der beiden Rollen der Reporter denn eigentlich schockierender fand, aber gut.
Zwischen einem gut belegtem Bordservice-Brötchen und nem Becher Apfelsaft stelle ich klar, dass bei der Landung auf keinem Fall doof
rumgeklatscht wird, schließlich krieg ich auch keinen Applaus, nur weil ich nen Bescheid rausschicke. Bob spuckt fast ihr Essen durch die Kabine, aber nickt grinsend. Wir stellen kurz schaupielerisch dar, wie sie
eine Kanne Kaffee zum Gast bringt und dafür Standing Ovations erntet. Dann guckt Bob wieder nach draussen: „Ich sehe die Nordsee!“
Anja und ich gucken uns vielsagend an. Anja: „Bob, da sind nur Wolken!“ - Bob: “Nein, da vorne ist ein Loch!“ – Ich: „Bob, da sieht man
dann aber halt nur Luft drunter…“ – Bob: „Aber da ist doch sogar ein Schiff zu sehen!“ Ich, ohne hinzusehen: „Du bist auch nen Schiff!“ Dann: „Oh, äh… okay, DAS ist nen Schiff!“ Bob, uns nachäffend: „Jaja: ‚Bob, da
ist kein Meer!’ Schon klar. Püh!“
Landung in Stansted, Suche nach Klos, erster Kontakt mit Hochleistungshändetrocknern. Jede Menge „No smoking“-Schilder. Im Laufe des
Urlaubs sollen mir diese Schilder bald noch mehr auf den Keks gehen als meinen drei rauchenden Begleiterinnen, werde ich doch regelmäßig dreimal am Tag vollgejabbelt, wieso in England eigentlich überall Rauchverbot
herrscht und Kippen so arschteuer sind. Maaaaa-annn! Is mir doch wumpe, lasst es halt bleiben mit dem Schmöken…
Mit dem Shuttlezug geht es dann nach London rein, bis zur Liverpool Station, wo Luise uns einsammeln wird. An eben dieser Station setzt
dann der Kulturschock ein: Briten sehen nicht nur überdurchschnittlich ansehnlich aus und wirken in ihren schicken Anzügen auch zur Feierabendzeit noch aprilfrisch, lenorgespült und knitterfrei, sondern sind auch
saufreundlich.
Jungs, mal ehrlich: Wenn Dich als Mädel in Deutschland ein Kerl anguckt, hat er dabei meistens einen Gesichtsausdruck drauf, als
müsstest Du Dich entschuldigen, dass Du ihm im Blickfeld rumstehst, und Du suchst automatisch nach einem Fleck auf Deinen Klamotten, sobald der Typ weg ist. Auf meinen ersten 10 m Rolltreppe zur London Underground
runter strahlen mich hingegen schon gleich die ersten 5 Männer supernett an, und der eine Schwarze, der selbst im piekfeinen Nadelstreifenzwirn einfach nur scharf aussieht, zwinkert mir sogar kess zu. Liebe
Deutsche: übt das mal 10 min zu Hause vor dem Spiegel, und Eure Freundinnen fragen Euch nie wieder, ob Ihr sie eigentlich noch liebt! Mein Selbstbewusstsein wächst jedenfalls innerhalb von Sekunden auf doppelte
Größe. Und das ist BEVOR ich dem „Ich hätte auch als Model anfangen können“-Businessman Mitte 20 mein Gepäck über den Fuß rolle und ER sich bei MIR entschuldigt, dass er einfach so im Weg gestanden hat. Ich fühl
mich schlagartig euphorisch. Und stelle klar, dass das ja allein meine Schuld war und ich „so sorry“ bin. Und er ist noch viel, viel mehr „so sorry“. Drollig. Zu Hause wär ich vermutlich ne dumme Kuh gewesen, die
keine Augen im Kopf hat, hier wünscht man mir noch nen schönen Urlaub und lächelt wie für’s Foto-Shooting. London. Cool.
Die Odyssee bis zu unserer Unterkunft erspar ich Euch an dieser Stelle. Fakt ist, wir sind total erledigt, als wir ankommen. Und nun
stelle man sich vor: 4 Weiber teilen sich ein 8m² Badezimmer. Äh… Ja. SuperGAU. Als ich endlich meine Klamotten dort einräumen will, hab ich Mühe, noch ne Stelle zu finden, wo ich den Container für meine
Kontaktlinsen abstellen kann, und muss für meine Handtücher nen Platz im Regal freirödeln.
Die nächsten Tage hassen und lieben wir uns gegenseitig. Bob und ich kampieren im Wohnzimmer auf der Klappcouch, und unangefochtener
Höhepunkt jedes Abends ist die von Bob ausgerufene „Tagesauswertung, Schatze!“. Bei dieser Gelegenheit tauschen wir uns aus über meinen und Anjas Besuch im British Museum, Bobs und Luises Shopping in der Mall, den
gemeinsamen Sturm auf Buckingham Palace („Dat Elsbett konnte ja mal nen Kaffe gereicht haben, was, Hase?!“), Piccadilly Circus, Trafalgar Square und das arschteure Wachsfigurenkabinett, Busfahren, Starbucks
heimsuchen, Underground fahren, Flirten, entnervtes „Mind the Gap!“-Mitsprechen, oder auch die Straßenkünstler von Covent Garden.
Ich ernähre mich überwiegend von supergeil belegten frischen Sandwhiches, die man an jeder Ecke kaufen kann, sowie dem extragroßem
White Chocolate Mocca mit extra Sahnehäubchen. Schmeckt mit kostemlosem Zimtpulvertuning so, als würde man Mamas hausgemachten Milchreis pürieren: Geil!
Im Feldversuch bestätigt sich auch der Verdacht, dass Anjas Orientierungssinn gar nicht soooo scheisse ist. Die findet zwar nicht
ansatzweise die U-Bahnstationen wieder, sobald wir drei Meter davon entfernt sind, egal, wie groß die entsprechende Beschilderung auch sein mag, wittert aber auf ne Viertelmeile jede Starbucksfiliale gegen den Wind.
Der schmeckt es da nämlich auch extrem gut, und wir gönnen uns sogar gelegentlich nen ordentlichen Blueberry Muffin zum Gesöff.
Am Ende steht fest: ja, es war anstrengend, ja, es war nervtötend, ja, es war chaotisch, aber Teufel, es war auch witzig! Und allein
die Tatsache, dass Bob auf eine zu uns rübergerufene Frage der Polizeistreife, die wir akustisch nicht ganz verstehen konnten, mit einem „Wia versteen keen Wort!!“ geantwortet hat, macht das Ganze schon irgendwie
charmant…
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