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Das also ist der Film, über den alle Welt sich zur Zeit das Maul zerreisst. Ich frage mich gerade, wieso eigentlich.
Ja, “Die Passion Christi” ist sehr brutal, aber es gibt weitaus blutigere Filme als diesen. Ja, Gibson zeigt deutlich, wie der Hohepriester
Kaiphas den Tod Jesu (Jim Caviezel, “Der Schmale Grad”, “Angel Eyes”) fordert, ihn herbeisehnt. Aber er zeigt ebenso, wie etliche andere Priester sich abwenden, das Leid nicht mit ansehen möchten. Ja, der
(logischerweise jüdische - wir sind hier nunmal in Jerusalem, Herrgott, wer sonst außer Juden lebt hier schon groß?) Pöbel giert nach der Hinrichtung Christi, aber ebenso sind immer wieder Gesichter in der Menge,
die schockiert sind angesichts dessen, was passiert. Ja, die römischen Soldaten, die den Messias quälen, haben sichtlich eine gehörige Portion sadistischen Vergnügens an ihrer Aufgabe. Aber es sind etliche unter
ihnen, die sich sichtbar wünschen, irgendwo anders, nur nicht bei diesem Gemetzel dabei zu sein.
Ist der Film antisemitisch? Unabhängig davon betrachtet, was an Diskussion vorab gelaufen ist und was Mel Gibson nun gesagt haben soll, gesagt hat
oder auch nicht gesagt hat, muss ich für meinen Teil sagen: nein, ich finde hier nichts Judenfeindliches. Wer sonst soll schon den Tod des Gottessohnes fordern, wenn nicht die Juden, die nunmal das Volk sind, in das
Jesus angeblich hineingeboren wurde? Und wie kann ein Film antisemitisch sein, wenn quasi alle auftauchenden Personen, die Guten wie auch die Bösen, jüdisch sind? Wie kann man da behaupten, die Juden seien einseitig
als die Bösen dargestellt? Bis auf die paar Römer sind hier nunmal keine anderen Landsleute dabei. Ist ein Streifen, in dem ein schwarzer Cop von einem schwarzen Gangmember über den Haufen geschossen wird, ein Film,
der anschließend als schwarzenfeindlich zerrissen wird? Wohl kaum.
Und ist es etwa die essentielle Eigenschaft dieser aufgebrachten Menge, die Jesus am Kreuz sehen will, jüdisch zu sein? Sind das nicht vielmehr
einfach nur wütende Menschen? Oder sind Juden davor gefeit, sich wie jeder andere menschliche Mob zu benehmen, nämlich grässlich? Ist es nicht so, dass auch Juden nicht davor immun sind, sich von einem Aufwiegler zu
kollektivem Schwachsinn anpeitschen zu lassen? Ist es nicht gerade URmenschlich, sich UNmenschlich zu benehmen? Grausam zu sein? Einander Leid zuzufügen und vielleicht sogar Spaß daran zu empfinden? Ist es nicht
das, was sich täglich auf der Welt abspielt? Und liegt es nicht an eben dieser menschlichen Neigung zur (oder zumindest Faszination an) Gewalt, die uns an Boxkämpfen, Splatterfilmen oder Kriegsdramen Interesse
zeigen lässt? Hooligans zu Fussballspielen treibt? Sexuellen Missbrauch schürt? Serienkiller töten lässt? Kriege beginnt?? Völkermord ermöglicht???
Kann man Gibson wirklich vorwerfen, dass sich sein (“zufällig” jüdischer) Mob genau so verhält, wie es jede andere aufgebrachte Menschenmasse auch
machen würde? Ich denke nicht. Und welche andere Wahl hat ein Regisseur, der die Passion in ihrer ganzen leidvollen Grausamkeit und ohne Beschönigungen zeigen will? Jesus wird vom Volk an Stelle des Barrabas als
freier Mann in ihrer Mitte empfangen, und plötzlich landen Aliens und schlagen ihn doch noch ans Kreuz? Wäre doch mal eine politisch korrekte Alternative, zumindest so lange, bis sich unsere Freunde von Alpha
Centauri dann mokieren...
Hätte eine bekennende Feministin diesen Streifen gedreht, so hätte sich sicher kein Mensch auf die Frage des Antisemitismus gestürzt. Man hätte
sich vielmehr darüber aufgeregt, dass der Streifen männerfeindlich sei, weil schließlich fast ausschliesslich Frauen Mitleid und Anteilnahme für Jesus zeigen, während die meisten Männer nach seinem Blut geifern.
Dieser Disput wäre aber dann zumindest auch in seiner Albernheit erkannt worden.
Nein, Rassismus finde ich hier nicht. Allerdings, so muss ich sagen, ein besonderes religiöses Empfinden hat sich bei mir auch nicht geregt,
sphärische Klänge und Zeitlupenleiden
hin oder her. Da ist Mitleid, da ist ein stumpfes Gefühl von “Menschen sind tatsächlich fähig, so zu handeln wie hier gezeigt”, da ist die Erinnerung an sämtliche Foltermethoden, von denen ich in meinem Leben schon gehört hab und die stumme Bitte, dass niemals jemand auf die Idee kommt, einen Hexenprozess so detailverliebt darzustellen wie Gibson hier den Kreuzweg feiert - aber mit erlebtem Christentum hat dies für mich persönlich nichts zu tun: ich glaube deshalb nicht plötzlich an Gott.
Dies ist auch weniger ein Film über Gott, als vielmehr darüber, wie brutal der Mensch ist. (Und wenn andere Menschen nicht begreifen können, wie
jemand so grausam handeln kann, dann muss ja wohl der Teufel dahinter stecken. Ja, richtig, da schlecht er durch die Menge, eingehüllt in eine Robe mit fliessender Kapuze erinnert er irgendwie an Marilyn Manson ohne
Schminke, aber dafür im Sensenmannkostüm. Na, und wenn es einen Teufel gibt, dann muss es ja auch Gott geben, oder?! Nee, irgendwas hakt da...) Was auch immer Gibson hier als religiöse Botschaft versteckt hat, ich
habe sie nicht gefunden.
Ein Gutes hat der Streifen: er bringt Diskussionsstoff, und plötzlich beschäftigen sich alle mit dem Christentum und der Bibel, und jeder hat
plötzlich eine ganz persönliche Interpretation vom “Wort Gottes” parat.. Es ist interessant, die vielen Foren zu besuchen, auf denen zur Zeit im Netz emsig gepostet wird. Wenn auch nur ein Bruchteil der Menschen,
die eine göttliche Offenbarung in Gibsons Schlachtfest sehen, dadurch zu einem feinfühligerem Nächstenliebenden werden, hat Mel ein gutes Werk getan. Ein etwas umsichtigerer Umgang untereinander ist immer zu
begrüßen, egal, aus welchen Gründen er nun entstehen sollte.
Nun gut. Für mich bleibt die Welt nach der “Passion Christi” so, wie sie vorher war. Und der Film ist das, was er ist: ein guter Streifen über die
Bestie Mensch. Nicht mehr, nicht weniger.
Ein Punkt noch zum Schluss: das, was Gibson hier an Gewalt bietet, hätte ein menschlicher Körper niemals ausgehalten. Die Diskussionen, inwiefern
hier Authentizität erzeugt wird oder nicht, hat sich für mich daher schon nach der Geisselungsszene erledigt. Und was soll der Schmu auch? Ist für die Idee des Christentums ausschlagebend, an welcher Stelle die
Nägel nun ins Fleisch geschlagen wurden? Ob überhaupt Nägel zum Einsatz kamen? Ob nun wirklich Latein oder nicht vielmehr die “damalige Welthandelssprache” Griechisch die Sprache war, die die Römer in Israel
sprachen? Ob die Geisseln mit Knochen- oder Metallsplittern versehen waren? Was für ein Firlefanz: es ist doch letztlich auch bloß ein Film, das Ganze, und man bedenke bei aller Gottesfürchtigkeit mal bitte eins: im
Internet gibt’s schon Onlineshops, die die Nägel zum Film verkaufen. Noch Fragen?? Also ich hab keine mehr...
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